<?xml version="1.0" encoding="utf-8" ?><feed xmlns="http://www.w3.org/2005/Atom" xml:lang="de"><title>Das Filter</title><subtitle>Medium für Gegenwart</subtitle><updated>2025-12-27T06:59:26.320Z</updated><icon>/static/assets/images/df_logo_3d.jpg</icon><id>http://dasfilter.com/rss</id><link type="text/html" href="http://dasfilter.com" rel="alternate"></link><entry><published>2025-12-27T06:59:26.320Z</published><updated>2025-12-27T06:59:26.320Z</updated><link href="/kultur/haengengeblieben-2025-unser-grosser-jahresrueckblick" rel="alternate"></link><id>/kultur/haengengeblieben-2025-unser-grosser-jahresrueckblick</id><title>Hängengeblieben 2025 - Unser großer Jahresrückblick</title><content type="html"><![CDATA[<img src="http://static.dasfilter.com/images/2025/12/23/haengengeblieben-2025-x.jpg" alt="Hängengeblieben 2025"/><p>2025 isch almost over. Während man das Gefühl kaum noch los wird, immer mehr in einen Strudel, eine galoppierende, sich überschlagende und wiederholende Geschichte zu geraten, richten wir den Blick – wie in den Jahren zuvor – auf die Ränder und das persönlich hängen Gebliebene. Unser Jahresrückblick.</p>
<section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><h1 id="67">67</h1>
</div></div></div></div><figure class="content-entity content-embed video"><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="embed-source"><iframe width="560" height="315" src="https://www.youtube.com/embed/sj0Qj7wGL0o?si=B-5Za5ThhpFg429T&amp;start=13" title="YouTube video player" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" allowfullscreen></iframe></div></div></div></figure><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p>(...)</p>
</div><div class="caption-outer"><div class="caption-inner"><div><p>Jan-Peter Wulf</p>
</div></div></div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><h1 id="bernstein">Bernstein</h1>
</div></div></div></div><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p>Wenn der Himmel Goldstaub pustet, die Enten am Bootsanleger Backgammon spielen und die Tannennadeln auf der Tischtennisplatte das Match entscheiden, ist Brandenburg plötzlich Idyll. Ohne Unionfahnen in den Vorgärten, ohne kurzhosige Troublemaker am Bahnhof, ohne schlafraubende Wahlergebnisse. Und wenn man mit dem Fahrrad dann abends über die Dörfer gurkt und in jedem Krug einen Krug nimmt und die draußen schnabuliert, dann merkt man schnell, dass Brandenburg eben nicht nur wegen der Wochenendhausbesitzenden aus Berlin immer mehr zu Berlin wird, sondern Probleme einfach Probleme sind. Mit dem Krug in der Hand vor dem Dorfkrug gesellte sich schnell Manfred zu uns. So druff, dass er im Golden Gate glatt eine Zehnerkarte für alles für umme bekommen würde. Wohnt auf der Wiese gleich nebenan, sagt er. Wird verfolgt von der Stasi und der katholischen Kirche, sagt er. Hat Probleme, Gras auf dem Dorf zu organisieren, sagt er. Und ob wir die leere Flasche noch brauchen würden, fragt er. Rollt, die Welle.</p>
</div><div class="caption-outer"><div class="caption-inner"><div><p>Thaddeus Herrmann</p>
</div></div></div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><h1 id="biennale">Biennale</h1>
</div></div></div></div><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p>Venedig, Mitte Oktober. Mit journalistischer Beauftragung bin ich zum ersten Mal überhaupt in der Stadt. Die Biennale Musica ist der Teil des jährlichen Kulturprogramms, den viele gar nicht kennen. Dabei ist die Tradition lang und der Goldene Löwe auch in der Musikwelt eine gern genommene Trophäe. 2025 (und 2026) kuratiert Caterina Barbieri, und es weht ein Hauch der Berliner Schwarzkittel-Traditionen an den Selfie-Sticks auf dem Markusplatz vorbei. Das Programm? Über alle Zweifel erhaben, eh klar. Basinski, <a href="/sounds/traditionelle-klangfarben-interessieren-mich-nicht-die-komponistin-und-elektronik-pionierin-suzanne-ciani-im-interview">Ciani</a>, Rafael Toral, Moritz von Oswald, Carl Craig, <a href="/tags/fennesz">Fennesz</a> („Venice“. In Venice!). Viel besser, weil beeindruckender, ist es zu erleben, wie Kultur in Venedig funktioniert. Da schmettern Noiser:innen ihre Sounds gegen die Wände alter Fabrikhallen, es ist irre laut und die verteilten Ohrstöpsel irre schlecht, und in diesem Szenario sitzen alte venezianische Kulturbürger:innen in Daunenjacken auf Klappstühlen und machen sich Notizen. Zur Veränderung der Welt vielleicht, zum Wandel in der Musik und dazu, was das eigentlich bedeutet, solche Performances im Rahmen des ehrwürdigen Festivals in der ehrwürdigen Stadt, in einem Land, in dem das Ehrwürdige ob Meloni vielleicht bald verschwinden oder mindestens noch mehr unter Druck geraten könnte. Ein Statement im Trockeneis der Gemäuer.</p>
</div><div class="caption-outer"><div class="caption-inner"><div><p>Thaddeus Herrmann</p>
</div></div></div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><h1 id="die-kuh">Die Kuh</h1>
<p>Aktuelle Studien zeigen, dass eine Kuh bessere aerodynamische Werte hat als ein Jeep Wrangler – so erzählt es mir zumindest mein Instagram-Account. Die Beschäftigung mit diesem wertvollen Inhalt darf munter in meinem Schädel Gummiball spielen; die ge-screenshottete Aufnahme zur entsprechenden Beweislage veröffentlichen wir hier aus rechtlichen Gründen allerdings besser nicht. Ob privat oder im Netz: Jeder darf ungestört an meiner Aufmerksamkeit reiben, ohne entsprechende Reaktionen befürchten zu müssen. Zumindest sehe ich das für mich so. Meiner gesegneten Umwelt allerdings unterlaufen solche groben Fehleinschätzungen nicht – im Gegenteil.</p>
<p>Selbst dem US-amerikanischen Präsidenten, dem Tüchtigen, gelingt es nicht, seine demokratiestürmerische rote Lockenpracht in alles tunken zu dürfen, was ihm nach der unsauber notierten Verfassung von Amts wegen alles zusteht. Und wenn der kräftigste Mann der Welt schon nicht mehr ausfegen darf, was ihm nur recht und billig ist – was sagt uns das zu eben jenem Stand der Demokratie? Genau.<br>Ein Jeep Wrangler benötigt verdammt noch mal nun mal keine Windkanaloptimierung – wehre den Anfängen! –, denn er steht ja schließlich nicht oben auf der Alm, um körperlich optimiert Methan in ebenjenen Wind zu entlassen, der zärtlich diese Anmut umstreift. Und so bleiben wir hängen an der unerschütterlichen Widrigkeit unserer inneren Eiger-Nordwand, zupfen und zerren die Untaten der anderen durch unser wutbereites Gemüt, nur um uns unentwegt zu wundern, dass dies den Aufstieg zu unserem eigenen Gipfel eigenartigerweise deutlich erschwert.</p>
<p>Und für all jene, die Texte nur querlesend überstreifen: Nein, hier wird nicht behauptet, eben jener Präsident sei eine Kuh – auch wenn er sich anmaßt, auf jeden und alles zu furzen, was seinen Weg zu wagen kreuzt.</p>
</div><div class="caption-outer"><div class="caption-inner"><div><p>Martin Rabenstein <a href="https://iir-berlin.com/star/the-mad-king-tbp/">IRR</a></p>
</div></div></div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><h1 id="eva-illouz-der-8-oktober-suhrkamp-2025-">Eva Illouz – Der 8. Oktober (Suhrkamp, 2025)</h1>
<p>Der Tag danach und die traumatische Enttäuschung, „Insult to Injury“ wie es im Englischen heißt. Statt Empathie und Mitgefühl für die Opfer des mörderischen Überfalls der Hamas auf Israel gab es international von Seiten vieler nominell Linken im besten Fall Schweigen, oder sogar Häme und Applaus für die exzessive Brutalität. Alles im Namen einer sich emanzipativ, postkolonial und antirassistisch verstehenden Ideologie. Eva Illouz, die immer zu den ausgesprochenen Kritikern der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern zählte, empfand diesen Schock, des sich-nicht-mehr-wieder-Erkennens in den vermeintlichen Verbündeten besonders erschütternd und versucht in ihrem Essay „Le 8-Octobre“ diesen Verrat an den eben schon lange nicht mehr geteilten, gemeinsamen Prinzipien von Humanität und Universalismus zu Begreifen. Die Fakten, die historischen Entwicklungslinien, die ideologischen, psychologischen wie soziologischen Aspekte dieser lange schleichenden und dann eben dramatisch ausbrechenden Entwicklung eines neuen Antisemitismus sind in anderen Büchern, von Bruno Chaouat, Ingo Elbe, Yascha Mounk und Thomas Chatterton Williams, ausführlicher und in Teilaspekten vertieft. Illouz große Errungenschaft besteht darin die wichtigsten Fakten höchst stringent in einem sehr kurzen und sehr verständlichen, und angesichts des Themas erstaunlich wenig polemischen Text zusammenzufassen. Ein extrem wichtiges Buch in 2025.</p>
</div><div class="caption-outer"><div class="caption-inner"><div><p>Frank Eckert</p>
</div></div></div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><h1 id="fatigue-fatigue">Fatigue Fatigue</h1>
<p>Die Gesellschaft der deutschen Sprache hat das Wort KI-Ära zum Wort des Jahres gekürt. Im Alltag habe ich das Wort nie gehört. Anders beim Wort des Jahres in den USA vom Wörterbuchverlag Merriam-Webster: Slop. Oder auch das Wort des Jahres beim Oxford Dictionary: Ragebait. Letztlich sagen alle mehr oder weniger das Gleiche. Wenn Donald Trump sich in Slop-Videos als Kampfjet-Pilot inszeniert, um Tonnen von Fäkalien auf Demonstrierende zu bomben, dann ist das KI-generierter Ragebait. Also Content, der darauf ausgelegt ist, bei möglichst vielen möglichst viel Wut zu triggern. Was Teil der Strategie ist, denn wer Wut produziert, der lebt auch mietfrei im Gehirn der Menschen und verdrängt den Blick fürs lösungsorientierte Wesentliche, was mehr und mehr in den Hintergrund rückt. Wenn das Weiße Haus im Studio-Ghibli-Design seine ICE-Abschiebungen feiert, dann macht das ebenfalls wütend, aber auf die Dauer macht das vor allem müde. Man wird müde davon, an so vielen Orten nur noch minderwertige KI-Bilder und -Clips zu sehen. Man wird müde davon, sich wieder ärgern zu wollen, wenn die Berliner CDU KI-Weihnachtskarten in Friedrichshain-Kreuzberg verschickt, um gegen die vermeintlich unsägliche Pollerpolitik des vermeintlich linksgrünversifften Mainstream zu treten, anstatt die eigentlichen Probleme im Kiez zu adressieren. Geschweige denn besinnliche Feiertage zu wünschen. </p>
<p>Man ist müde, sich über Friedrich Merz’ Stadtbild-Aussagen aufzuregen. Man wird auch müde davon, auf sozialen Medien unterwegs zu sein und nichts mehr glauben zu können, weil könnte ja erstmal KI sein. Oder wenn Menschen etwas erschaffen und zuallererst der Vorwurf im Raum steht: Das ist zu gut, das ist doch KI. Weil so auf allen Ebenen des Miteinanders das Misstrauen geschürt wird. Wenn auf Spotify täglich mehrere zehntausend KI-Songs veröffentlicht werden und niemand mehr unterscheiden kann, was echt ist oder nicht, dann macht das ebenfalls träge. Genauso ermüdend ist die Reaktion einiger, die ihre Spotify-Abos kündigen und nun anfangen, ihre Musik auf Suno oder Udio selbst zu prompten und das als kreativen, „empowernden“ Akt verstehen. Wenn das Vertrauen in die Grundprinzipien der Gesellschaft, Kunst und Kultur bröckelt – und das passiert derzeit auf vielen Ebenen, dank KI-Ära, Slop und Ragebait–, dann bleibt vielen nur der Rückzug ins Private. Das ist eine natürliche Reaktion und die Folge ist: Alle werden müde, müde zu sein. Man leidet kollektiv an Fatigue Fatigue, mit Verdruss und gezuckten Schultern wird nur noch kommentiert: „Was willst du machen? Bringt doch alles nichts.“ Wenn KI eben offenbar nicht die Welt rettet, sondern uns derart in einer quasi selbst geschaffenen Lawine untergehen lässt, so dass wir wie gepuckte Babys nur noch an die Decke starrend am Schnuller nuckeln. Dann verlieren wir auch unsere Mündigkeit. </p>
<p>Ärger empfinden und konstruktive Wege zu finden, dem Ärger Luft zu machen, kann helfen. Dafür muss man aber wissen, worüber man sich aufregt. Oft tritt heute nur noch ein tumbes resigniertes Gefühl ein. Aber: Autoritarismus lebt von Ohnmacht. Und es scheint immer schwieriger, handlungsfähig zu bleiben. Weil wenn auch noch wie derzeit unzählig viele Jobs durch KI-Rationalisierung auf dem Spiel stehen, dann müssen „die da oben“ Wege aus der Misere finden. Und mit die da oben sind nicht nur Regierungen gemeint, sondern auch die Mächtigen bei Palantir, Amazon, Meta, Microsoft und Google. Fragt man ChatGPT, wie man aus dieser Misere wieder herauskommt, lautet die „nüchterne Ermutigung“: „Sie müssen nicht optimistisch sein, heroisch handeln oder alles richtig machen. Es reicht, nicht innerlich zu kapitulieren.“ Wie dystopisch, wenn nicht gar gefährlich solche Aussagen sind. Weil genau das reicht offensichtlich nicht, sonst wären wir nicht da, wo wir heute angekommen sind. Und bei vielen Menschen ist ChatGPT heute schon der allerbeste Freund und es werden von Tag zu Tag mehr. Das macht nicht nur müde sondern auch mutlos und traurig.</p>
</div><div class="caption-outer"><div class="caption-inner"><div><p>Ji-Hun Kim</p>
</div></div></div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><h1 id="fl-sterasphalt">Flüsterasphalt</h1>
<p>Offenporiger Asphalt (OPA) zeichnet sich durch einen hohen Hohlraumanteil von bis zu 25 Prozent aus. Er funktioniert wie ein Schalldämpfer: Die Reifenabrollgeräusche werden in den Poren geschluckt, anstatt reflektiert zu werden. Zudem kann die Luft zwischen Reifen und Fahrbahn in die Zwischenräume entweichen, was das typische „Zischen“ verhindert. Auf der teuersten Autobahnstück Deutschlands, dem Bauabschnitt 16 der Berliner A 100, wurde er gelegt und was soll ich sagen: Er flüstert wirklich. Steht man über der Straße, hört man fast nüscht, als würde man sich Ohropax in jede Körperöffnung gesteckt haben. Das Problem: sauteuer, kürzere Lebensdauer. Irgendwie müssen die 200.000 Euro ja zustande kommen, die die Autobahn gekostet hat. Pro Meter.</p>
</div><div class="caption-outer"><div class="caption-inner"><div><p>Jan-Peter Wulf</p>
</div></div></div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><h1 id="g-rlitzer-park">Görlitzer Park</h1>
<p>Die Berliner Politik ist offenbar ein Fan der Fantasy. Oder der Satire. Anders ist die Posse um den Zaun am Görlitzer Park nicht mehr zu verstehen. Ginge es nach Tolkien, könnte das Motto heißen: „Ein Zaun, sie zu knechten, sie alle zu finden / Ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden“. Law and Order im berüchtigsten Park Deutschlands, das ist das Credo – wenn es denn wenigstens so wäre. Der Zaun wurde dieses Jahr nach zäher Vorbereitungszeit errichtet, wenige Teile fehlen noch, wenn auch in der Zwischenzeit ein Drehkreuz geklaut wurde. Wobei man fragen muss: Wie geht das? Und was macht man mit so einem riesigen Drehkreuz? Auf Kleinanzeigen verkaufen? Nun wurde aber bekannt, dass der Park bis März 2026 trotz des fast fertig gestellten Umzäunung offen bleiben soll. Dabei wissen Anrainer, Polizei und Politik, dass der Winter die schwierigste Zeit für den Kiez ist. Wenn Konsumierende in ihrem Elend Türen eintreten, Unrat in Fluren hinterlassen, Crack mit Bunsenbrennern aufkochen und damit Hausbrände riskieren (wie schon am Lausitzer Platz geschehen) oder man auf dem Weg zur Kita erst über drei schlafende Menschen steigen muss, die nicht reagieren, um mit Kind auf dem Arm zum Fahrrad zu gelangen. Wollte der Zaun nicht beweisen, dass er die Lage entspannen kann? Daran glauben natürlich die wenigsten und dass es sich nur um Symbolpolitik handelt, scheint kein Geheimnis. </p>
<p>Aber auch die Befürworter und Sponsoren des Zauns im Berliner Senat scheinen nie wirklich daran geglaubt zu haben. Denn nun kommt man mit dem Argument um die Ecke, dass der Zaun deshalb offen bliebe, damit Radfahrende diesen Winter keine unnötigen Umwege fahren müssten. Ja, wow! Das fällt jetzt erst ein? Plant Berlin etwa binnen der nächsten drei Monate eine Fahrradhochtrasse über den Park zu bauen? Oder gar eine Magnetschwebebahn? Wie sollen diese nächtlichen Umwege sonst umgangen werden? Mit einem freundlich einladenden Tunnel, der unter den Park führt? Wenn schon Geld verbrannt wird, dann doch wenigstens mit Würde und Konsequenz. So vergeht ein weiteres Jahr ohne evaluierbare Erkenntnisse und die Pläne, dass nun zusätzlich mit KI-„Verhaltensscannern“ der Park überwacht werden soll, bringt selbst die magersten Phrasenschweine zum Bersten. Interesse an nachhaltigen Lösungen sieht anders aus. Und die liegen weder in Bullshitbingo-KI noch in Abschottung. Mittlerweile glauben einige in der Nachbarschaft, dass das alles Teil einer Strategie ist, die Stimmung unnötig aufzuheizen, um den Unmut der Bürger:innen direkt an die Dealer- und Konsumierenden-Szene zu richten. Mistgabeln, Bürgerwachen und Fackeln in Kreuzberg? Na dann: Gute Nacht. Und Danke für Nichts.</p>
</div><div class="caption-outer"><div class="caption-inner"><div><p>Ji-Hun Kim</p>
</div></div></div></div></div></div></div></section><section class="content-section twoway"><div class="groups"><div class="group top"></div><div class="group middle"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><h1 id="haiku-f-r-2026">Haiku für 2026</h1>
<p>Nach vorne zu schauen ins Ungewisse fällt schon einmal wesentlich leichter mit dem seit mehr als zehn Jahren erscheinenden Japanischen Taschenkalender, der in haptischen Leineneinband gebettet das deutsche Kalendarium von jahreszeitgemäßen Haiku begleiten lässt, meist von Matsuo Bashô oder Schülern. Zudem feine Reproduktionen von Ukiyo-e Holzschnitten zum entsprechenden Thema. Es relativiert ganz simpel den ganzen Alltagswahnsinn in fragiler bis derber Schönheit in Text und Bild.<br><em>Imma Klemm (Hg) - Japanischer Taschenkalender für das Jahr 2026 (Dieterich&#39;sche Verlagsbuchhandlung, 2025)</em></p>
</div><div class="caption-outer"><div class="caption-inner"><div><p>Frank Eckert</p>
</div></div></div></div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><h1 id="i-m-rich-bitch-">I‘m rich, bitch!</h1>
<p>Als Ulf Poschardt im Juli beim Podcast „Hotel Matze“ verkündete, dass Deutschland nicht mehr Gleichheit, sondern mehr Ungleichheit benötige, rang selbst der als wenig konfrontativ geltende Moderator Matze Hielscher mit der Fassung und hätte vermutlich am liebsten geantwortet: „Glaubst du den Scheiß eigentlich selbst, den du da erzählst?“ Ob es sich bei Poschardts Debattenbeiträgen um reines Getrolle handelt oder ob die Vehemenz im Vortrag am Ende ausreicht, um den Absender selbst von ihrem Inhalt zu überzeugen, kann nicht abschließend geklärt werden. Aus küchenpsychologischer Perspektive könnte man jedoch vermuten, dass der erfahrene Journalist es nicht wirklich ernst meinen kann, wenn er nach dem Besuch des „Hoss &amp; Hopf“-Podcast davon spricht, dass es sich bei diesem um einen sehr guten Podcast handele, wenn er das Rasen auf der Autobahn zum ultimativen Ausdruck individueller Freiheit erklärt oder wenn er Deutschland, welches eben noch Friedrich Merz zum Bundeskanzler gewählt hat, als eine links-woke Shitbürgerrepublik beschreibt, in welcher er seine freie Meinungsäußerung gefährdet sieht. Nicht zu vergessen: Er ist Herausgeber von Welt, Politico und dem Business Insider sowie Dauergast bei Welt TV.</p>
<p>Poschardts Selbstinszenierung als gesellschaftlicher Außenseiter ist ebenso verlogen, wie seine Verweise auf seine kritischen Auseinandersetzungen mit der Politik der AfD in seinen Welt-Kolumnen, als wäre ihm nicht bewusst, dass die süffisanten Verunglimpfungen seiner politischen Feindbilder in den sozialen Medien Wasser auf die Mühlen der Rechtspopulisten sind und ein Vielfaches an medialer Aufmerksamkeit erzielen. Melanie Amann traf daher den Nagel auf den Kopf, als sie am Ende ihres <a href="https://www.youtube.com/watch?v=QXH_QM7VHVk">Streitgespräches mit Poschardt</a> erbost schlussfolgerte, dass es sich bei seinem öffentlichen Gebaren um einen Fall von Wohlstandsverwahrlosung handele.</p>
</div><div class="caption-outer"><div class="caption-inner"><div><p>Tim Schenkl</p>
</div></div></div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><h1 id="k-food">K-Food</h1>
<p>Dass man mittlerweile koreanische Instant-Nudeln und Zutaten wie Doenjang, Gim und Gochujang in fast jedem Rewe und Edeka findet, hätte ich mir vor zehn Jahren im Traum nicht ausmalen können. Einerseits erfüllt das einen mit peinlichem Stolz. Peinlich, weil: Worauf soll man hier bitte stolz sein? Aber wenn man als Kind damit aufgewachsen ist, dass die Mitmenschen in den 80ern und 90ern in Deutschland eher die Nase rümpften, wenn sie braune, klumpige Massen wie die Sojapaste Doenjang rochen und sahen, dann spricht das auch für eine gewachsene Akzeptanz – wie das auch immer verortet sein mag. K-Food boomt weltweit, und der Grund dafür sind Kulturexporte wie K-Pop und vor allem K-Dramas. Dieses Jahr war die Animation „K-Pop Demon Hunters“ einer der erfolgreichsten Filme des Jahres. Und auch hier werden Gimbap und Ramyun mit Inbrunst gegessen. </p>
<p>Das beweist, dass die südkoreanische Kulturpolitik der „Hallyu“ auch deshalb gut funktioniert, weil sie es nicht bei der Kultur belässt, sondern Stück für Stück auf andere kommerzielle Bereiche wie Kosmetik und eben auch Food erweitert. K ist eben auch zum Lifestyle geworden. Neulich sah ich eine Dokumentation über Gimbap, in der ein älteres französisches Paar dabei gezeigt wird, wie sie Reis und Gemüse in Seetang rollen. Wie der Boomer-Mann erklärt, dass das Äquivalent in Frankreich ja ein mit gesalzener Butter und Schinken belegtes Baguette sei und wie viel gesünder und nahrhafter doch Gimbap im Vergleich dazu sei. Das war schon rührend, vor allem, wenn so etwas aus jenem Land kommt, das den Alleinstellungsanspruch auf gute Kulinarik doch bis zum Armageddon abonniert hat. Ein Kind eines Freundes von mir sprach mich vor einiger Zeit darauf an, dass es nun Koreanisch lernen wolle. Wo das am besten ginge, auch weil die allermeisten Sprachkurse restlos ausgebucht sind. Man könnte sich fragen, ob was Ähnliches geklappt hätte, hätten Länder wie Deutschland vor Jahren intensiver auf Kultur statt auf Autos und Rheinmetall gesetzt. Softpower statt Schwerindustrie. Aber: Kultur ist halt auch eine Frage des Geschmacks und Stils.</p>
</div><div class="caption-outer"><div class="caption-inner"><div><p>Ji-Hun Kim</p>
</div></div></div></div></div></div><figure class="content-entity content-embed video"><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="embed-source"><iframe width="2257" height="945" src="https://www.youtube.com/embed/iDTQhfnKxhI" title="K-Pop Demon Hunters, but it&#39;s just the FOOD scenes" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" allowfullscreen></iframe></div></div></div></figure></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><h1 id="knorr-steuern-mit-lust-und-liebe">Knorr, Steuern mit Lust und Liebe</h1>
<p>Das bayerische Finanzamt durfte sich im Frühjahr über einen wahren Geldsegen freuen: Fast vier Milliarden Euro mussten die Erben des 2021 verstorbenen deutschen Industriellen Heinz Hermann Thiele dem Fiskus überweisen, mutmaßlich ist es die höchste Einzelzahlung dieser Art in der Geschichte Deutschlands. Thiele war zeitlebens unter anderem durch sein Anteile am Zulieferer-Unternehmen Knorr-Bremse zu einem enormen Vermögen gekommen, die verzankten Nachkommen hatten es nicht rechtzeitig auf die Reihe gekriegt, dieses in eine geplante Stiftung zu stecken. Was nur zeigt, was möglich ist, wenn derartige Möglichkeiten, Steuern zu entgehen, gekappt werden. Ohne eine Reformierung der Erbschaftssteuer werden solche Fälle Ausnahmen bleiben, solche Zahlungen müssen aber zur Regel werden – vier Milliarden sind fast ein Prozent des Bundeshaushalts. Es gibt zurzeit rund 170 Milliardäre in Deutschland.</p>
</div><div class="caption-outer"><div class="caption-inner"><div><p>Jan-Peter Wulf</p>
</div></div></div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><h1 id="kr-nung">Krönung</h1>
<p>Es war eine der ikonischen Szenen, die dieses Jahr über die Bildschirme flackerte. FIFA-Präsident Infantino überreichte dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump den sogenannten Friedenspreis im Rahmen der WM-Auslosung für das Turnier im nächsten Jahr. Der Preis sei extra für Trump geschaffen, heißt es. Eine goldene Weltkugel nach der ebenso vergoldete Hände zu greifen scheinen. Welch passendes Design! Ob es weitere Kandidaten gab und nach welchen Kriterien dieses Schmuckstück verliehen wurde, ist nicht bekannt.</p>
<p>An Geschmacklosigkeit kaum zu überbieten, schnappte sich Trump die dazugehörige Medaille vom Tablett der versteinert lächelnden Hostess gleich selbst und hing sie sich um den Hals: „Fantastic, excellent“, goutierte der FIFA-Präsident mit Beifall diese Aktion und zückte sein Handy für ein Selfie mit Trump. Um ehrlich zu sein, habe ich noch nie gesehen, dass sich ein Mensch bei einer Medaillenvergabe die Auszeichnung selbst umhängt. Zu toppen war dies nur noch mit einem peinlichen Auftritt von Village People, die in ihrem Look aus Indianer, Cowboy und Polizist schon damals peinlich aussahen. Fußball ist lange schon nicht mehr nur ein Spiel. Es ist die bedeutendste und deshalb auch lukrativste Sportart der Welt, die nächstes Jahr die WM-Stadien zu einem nicht geringen Teil mit VIPs füllen wird, die weder den Mittelkreis kennen, noch dass sie jemals die Liebe zum Sport nachempfinden konnten. Da muss der normale Fan tief für in die Tasche greifen, sofern er amerikanischen Boden überhaupt betreten darf. Als wäre das noch nicht genug, feiern die USA mitten im Turnier, am 4. Juli 2026, auch noch ihr 250-jähriges Bestehen. Ein Zufall? Mit Geld kann man sich (fast) alles kaufen.</p>
</div><div class="caption-outer"><div class="caption-inner"><div><p>Matti Hummelsiep</p>
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<p>„Bugonia“ war ein sehr solider Film, weil er als Adaption eines anderen Films gar nicht den üblichen Gesetzen eines regulären Giorgos-Lanthimos-Films folgt: Eine schräge Story schreitet sehr geradlinig voran, und am Ende steht ein vorhersehbarer und blödeliger Twist beziehungsweise eine konsequente Auflösung des Grundkonflikts – per Knopfdruck wird die Menschheit ausgelöscht. Es lässt sich hoffen, dass das Schule macht, nachdem zuletzt das Prinzip der regulären Giorgos-Lanthimos-Filme Schule gemacht hatte, und mit ihm leider auch die Vorgehensweisen von zwei anderen Typen, deren Filme ziemlich flashy und selten aber substanziell sind: Ruben Östlund und Ari Aster bilden gemeinsam mit Lanthimos die Trias, welche sich spätestens 2025 zur Hauptreferenz der Indie-Filmwelt etabliert hat. Zuallererst darf kein Film mehr unter zwei Stunden lang sein, muss im Grunde jeder Charakter ein veritables Arschloch und obendrein noch sehr kauzig sein, was dann eine Story tragen soll, die ebenso verschlungen wie undurchdacht (Referent Lanthimos), in penetrant eingesetzten Wiederholungen auf der Stelle tänzelnd (Referent Östlund) oder aufdringlich eskalativ (Referent Aster) ausfällt. </p>
<p>Das darf sich vermeintlich große Kunst nennen, da es sein Publikum mit einem Überangebot an Deutungsmöglichkeiten oder explizit herausgestellten Uneindeutigkeiten konfrontiert und weil sich vom Second-Screen-Slop auf Netflix eben nicht dasselbe sagen ließe, gereicht das zum Distinktionsmerkmal. Diese neue Tendenz, die natürlich von einer opulenten und bewusst ikonischen, bisweilen auch metamodernistisch-disparaten Bildsprache begleitet wird, wurde schon als Neo-Expressimus apostrophiert. Es ließe sich aber auch Selbst-Marketing dazu sagen: Diese Filme wollen weniger etwas sagen, als vielmehr von sich reden machen. Wenn die Epigon:innen dieser Autorenkinotrias allerdings aus „Bugonia“ etwas mitnehmen können: Wenn die Dinge etwas simpler und vor allem im Messaging wesentlich bescheidener angegangen werden, kommt dabei immerhin gute Unterhaltung bei raus. Und die hätten wir alle zumindest hin und wieder bitter nötig.</p>
</div><div class="caption-outer"><div class="caption-inner"><div><p>Kristoffer Cornils</p>
</div></div></div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><h1 id="lichtspirale">Lichtspirale</h1>
</div></div></div></div><figure class="content-entity content-embed video"><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="embed-source"><iframe width="560" height="315" src="https://www.youtube.com/embed/hCNrzwQOn1M?si=Ry-mWrb-8F5EDbCJ" title="YouTube video player" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" allowfullscreen></iframe></div></div></div></figure><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p>Es ist der Abend des 24. März. Ich stehe auf dem Balkon, dampfe die letzte E-Zigarette des Tages und wäre es eine herkömmliche gewesen, wäre sie mir wohl aus dem Mund gefallen. Über mir, hoch am dunklen Himmel, weit hinter den Wolken, beginnt just in diesem Moment ein irres Schauspiel. Blaues Licht dreht sich spiralförmig um ein Zentrum. Das kann kein vom Berliner Boden projiziertes Licht sein, es sieht außerirdisch aus. Sie sind da. Sind sie? Wegen mir? Soll ich mitkommen? Völlig verwirrt, seltsam aufgedreht, verlasse ich, als das geometrische Wunderwerk verblasst, den Balkon. Die buchstäbliche Auflösung: Es war eine Falcon-9-Rakete von SpaceX. Die vor der Rückkehr zur Erde ihre Treibstoffreste abgelassen hat. Die gefroren zu Eis und formten durch die Bewegung der Rakete eine Spirale, die wiederum durch das Sonnenlicht über dem Erdschatten reflektiert wurde. Welch traurige Erklärung dieses optischen Meisterwerks: Elons Weltraumpimmel ballert fossilen Treibstoff in die obersten Schichten der Atmosphäre. 2025 in einem Bild.</p>
</div><div class="caption-outer"><div class="caption-inner"><div><p>Jan-Peter Wulf</p>
</div></div></div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><h1 id="morgen-ist-ein-neuer-tag">Morgen ist ein neuer Tag</h1>
</div></div></div></div><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p>Wären Zigaretten und Alkohol nicht so verpönt, wäre Micah P. Hinson der Tom Waits der Gegenwart. Seine Alben begleiten mich seit langer Zeit, ganz sachte und unaufdringlich. Spült mir das Streaming schon rein. Früher, da kamen die Promos reingerollt und rangierten mich auf das Abstellgleis der uneingeschränkten Konzentration und Hingabe. Heute kann es schon mal etwas dauern, bis es die Zeit erlaubt, in seinen folkigen Sound-Keller abzutauchen. „The Tomorrow Man“ heißt sein 2025er-Album. Intensiv und <em>fleeting</em> zugleich ist der Klang, die Texte noch intensiver. Die Zeiten, in denen der Raum staubig und das Instrumentarium minimal war, sind schon lange vorbei. Ein Glitzern von Schmacht liegt über den Songs, üppige Streicherarrangements wattieren die hoffnungsvolle Traurigkeit des Scheiterns. Das passt in die klischeebehaftete Vorstellung eines nächtlichen Hollywoods, das es zwar nie gab, wir aber als Metapher doch alle verstehen. Nun zeigt er sich auf dem Pressefoto doch mit stylischer Zigarettenspitze, nur die Stimme ist noch nicht so brüchig, wie ich es mir wünschen würde, um das Klischee perfekt zu machen. Macht nichts. Ich denke mir meinen Teil. Oh Mr. Hinson, Sie <em>sleepyhead</em>, Sie großer Geschichtenerzähler und Herzverwirrer. Sie sind der Superheld, den sich Marvel nicht ausdenken kann.</p>
</div><div class="caption-outer"><div class="caption-inner"><div><p>Thaddeus Herrmann</p>
</div></div></div></div></div></div><figure class="content-entity content-embed center"><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="embed-source"><iframe style="border: 0; width: 350px; height: 470px;" src="https://bandcamp.com/EmbeddedPlayer/album=411672279/size=large/bgcol=ffffff/linkcol=0687f5/tracklist=false/transparent=true/" seamless><a href="https://ponderosamusiceart.bandcamp.com/album/the-tomorrow-man">The Tomorrow Man by Micah P. Hinson</a></iframe></div></div></div></figure></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><h1 id="popjournalismus">Popjournalismus</h1>
<p>„Gegenwart machen“ ist ein ziemlich selbstreferentieller Titel für ein Buch über sogenannte Zeitgeistmagazine, von denen nur noch ein einziges überhaupt noch existiert – und vielleicht eigentlich auf diesen 300-irgendwas doch fehl am Platz ist. Angefangen mit dem Format der Oral History bis hin zum Logo der nur einmal kurz erwähnten VICE auf dem Cover und den die Redebeiträge der anderen Beteiligten um das Dreifache übersteigernde Einschüben eines Benjamin von Stuckrad-Barre lässt sich Ähnliches jedoch über jeden anderen Aspekt von Erika Thomallas Oral History des Popjournalismus sagen. Nur sind Selbstreferentialität und Selbstreflexion zwei verschiedene Dinge. Auch wenn immer alle nochmal sagen müssen, dass Frauen in den Redaktionen von Sounds, Tempo oder der deutschen Ausgabe der Vanity Fair echt unterrepräsentiert waren und Mark Terkessidis immerhin zu Wort kommt und die Spex dafür rügen kann, reichlich lange deutschen Migrationsgeschichten keine Aufmerksamkeit geschenkt zu haben: Die Frage nach sozioökonomischen Strukturen oder auch nur der Wirtschaftlichkeit des eigenen Unterfangs wird ebenso selten aufgeworfen wie die nach dem realen Impact dieser angeblich so bahnbrechenden Magazine mit ihren Autoren wie Maxim Biller und Moritz von Uslar, die sich freilich selbst als Revolutionäre ihrer Zunft apostrophieren dürfen. </p>
<p>Dass die Auflagen dieser Zeitschriften fast durchwegs im mittleren bis unteren fünfstelligen Bereich beziffert werden, hätte allemal Anlass zur Diskussion darüber geben können, ob sie nicht aus der Bubble heraus in die Bubble hinein geschrieben wurden. Aber nein, die Nabelschaunostalgie hat hier den Vorrang. Mess- oder allemal spürbar ist ja zumindest der Impact auf die Medienproduktion insgesamt, wobei dann diesbezüglich doch niemand so recht zugeben will, dass etwa die anzitierten Clickbait-Factory VICE und der Ragebait-Maestro Ulf Poschardt die Hauptprodukte des Popjournalismus waren und dass sich diese Gegenwartsmacher:innen von anno dunnemal ernsthaft mit der Auswirkung ihrer Oberflächenobsession auf die Gegenwart von heute auseinandersetzen sollten. Sage ich als jemand, der selbst die letzte Schicht bei Spex geschoben hat und sich mit nur fünf Jahren Abstand fragt, ob das alles immer so richtig war, und der genau deshalb zur Käuferschaft eines 36 Euro teuren Buches gehört, dessen Absatzzahlen wohl kaum höher als im mittleren oder gar unteren dreistelligen Bereich beziffert werden könnten. Der Zeitgeist ist längst schon weiter, der Schaden aber nunmal angerichtet.</p>
</div><div class="caption-outer"><div class="caption-inner"><div><p>Kristoffer Cornils | <a href="https://www.schoeffling.de/produkt/gegenwart-machen/">Schöffing</a></p>
</div></div></div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><h1 id="pudding-mit-der-gabel-essen">Pudding mit der Gabel essen</h1>
</div></div></div></div><figure class="content-entity content-embed video"><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="embed-source"><iframe width="560" height="315" src="https://www.youtube.com/embed/XSYN2NDnb1Q?si=CfqYyf605ZKCJR4a" title="YouTube video player" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" allowfullscreen></iframe></div></div></div></figure><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p>In Karlsruhe fing es an, es fand bald im ganzen Land statt: Junge Menschen treffen sich in Parks oder auf Plätzen, um gemeinsam Pudding zu essen. Mit einer Gabel. Und die Medien fragen sich: Geht es um das Dessert? Das ungewöhnliche Besteck? Mitnichten: Es geht darum, sich IRL, also in real life, zu treffen. Nicht alleine zu sein. Neue Menschen kennenzulernen. The kids are alright. Mehr Pudding, mehr Gabeln bitte!</p>
</div><div class="caption-outer"><div class="caption-inner"><div><p>Jan-Peter Wulf</p>
</div></div></div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><h1 id="radu-jude">Radu Jude</h1>
</div></div></div></div><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p>Wo steht Radu Jude im Jahr 2025? Ausgerechnet in dem Jahr, in dem progressive Milieus das Thema „Klasse“ wiederentdeckt haben, hat das oft klassenkämpferische Kino des rumänischen Regisseurs einen zunehmend schweren Stand, zumindest bei der Kritik. Mal wurde ihm ein unangenehmer Blick auf seine weiblichen Protagonistinnen attestiert, dann wieder hieß es, sein Kino sei zu cinephil, das Einziehen unzähliger Metaebenen in Filmen wie „Do Not Expect Too Much from the End of the World“ sei von einem maskulin-genialischem, ebenfalls unangenehmen Impetus durchdrungen. Bevor seine Dracula-Verfilmung startet, von der man im Vorfeld schon viel Schlechtes hören konnte, hat sich 2025 fast unbemerkt „Kontinental ’25“ in die deutschen Kinos geschlichen, ein stiller, in seinen stilistischen Mitteln ganz bescheidener Film. Erzählt wird die Geschichte der Gerichtsvollzieherin Orsolya, die im rumänischen Cluj eine Hausräumung zu verantworten hat, da Investoren hier etwas Gewinnversprechenderes errichten wollen. </p>
<p>Ein Obdachloser, dessen Quartier im Keller des Hauses geduldet war, nimmt sich wegen der Räumung das Leben und von nun an begleitet der Film die seit diesem Vorfall von moralischen Zweifeln geplagte Orsolya durch mehrere Episoden, in denen sie mit verschiedenen Menschen das Gespräch sucht. Es ergibt sich eine aktualisierte Adaption von Rossellinis „Europa ’51“, in der es nicht nur um persönliche Dilemmata, sondern auch um ungarische Minderheiten und den Stand Europas im Jahr 2025 geht. Gedreht wurde der für Radu Judes Verhältnisse recht konventionell erzählte Film in weniger als eine Woche, gefilmt wurde mit einem iPhone 15, welches sich weniger für die verhandelten moralischen und politischen Fragen interessiert, sondern in Innenaufnahmen immer wieder eigenmächtig Fokus-Verlagerungen vornehmen darf.</p>
</div><div class="caption-outer"><div class="caption-inner"><div><p>Christian Blumberg</p>
</div></div></div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><h1 id="schwimmen">Schwimmen</h1>
</div></div></div></div><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p>Es ist Mai, circa 7.30 Uhr und die efeuberankten Bauhaus-Gebäude machen die Varnhagenstraße wie jedes Jahr im Frühling zum schönsten Anblick im Berliner Stadtbild. Das Fahrrad schnurrt, Ziel ist das Freibad Pankow. Ob bei Nieselregen oder amtlichen Sommertemperaturen habe ich dort innerhalb von vier Monaten jeden einzelnen der 20 Punkte auf meiner Dauerkarte eingelöst. Und mir dann am 1. Oktober ein Monatsticket gelöst, um nunmehr im kleinen Schwimmbad direkt vor meinem Plattenbau weiterzumachen. In einem Jahr, in dem die Probleme im Nahumfeld so sehr Überhand nahmen, dass sie sich nachgerade in mein Gehirn reingedrückt haben, konnte ich mich mit jeder Bahn davon etwas loskraulen, früh morgens im Slalom um rüstige und aber nicht sehr rasche Rückenschwimmerinnen herum. Und freilich: Den Tag mit Chlorgeruch in der Nase und aufgewärmten Muskeln anzugehen, rettet nicht alles. Ab und an aber das Leben.</p>
</div><div class="caption-outer"><div class="caption-inner"><div><p>Kristoffer Cornils</p>
</div></div></div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><h1 id="sehnsucht-in-sangerhausen">Sehnsucht in Sangerhausen</h1>
<p>In dem Schlager, der zu Beginn von <a href="/film/sprechen-wir-ueber-die-selbstkritik-eines-buergerlichen-hundes-berlinale-2017-regisseur-julian-radlmaier-im-interview">Julian Radlmaiers</a> dritten Spielfilm „Sehnsucht in Sangerhausen“ zu hören ist, singt Bianca Graf über ihre Erkenntnis, dass die schönsten Rosen der Welt sich nicht in Berlin, New York oder Athen finden lassen, sondern in der ehemaligen Bergbaustadt in Sachsen-Anhalt. Wenn Filmschaffende nach beeindruckenden Drehorten Ausschau halten, dann fällt ihr Blick zumeist ebenfalls zuerst auf internationale Großstädte. Vielleicht zu Unrecht, besonders wenn man sieht, wie es Radlmaier und seinem Kameramann Faraz Fesharaki auf spektakuläre Art und Weise gelingt, die am Fuße einer Bergehalde gelegene Provinzstadt immer wieder in einen Garten Eden der Volkssolidarität zu verwandeln. Die Frage nach dem Sündenfall ist jedoch ebenfalls allgegenwärtig. Rassismus, fehlendes Klassenbewusstsein und spaltende politische Rhetorik stehen im krassen Gegensatz zu den Versprechen, welche die immer wieder ins Bild gesetzten Arbeiterdenkmäler verkünden.</p>
<p>Auch der Arbeiterin Ursula (Clara Schwinning), die morgens in einem Möbelhaus staubsaugt und anschließend im Rosencafé Kaffee und Kuchen serviert, sollte man ein Denkmal errichten. Sie ist eine von vier Frauenfiguren, die in Sangerhausen teils durch Zufall, teils durch Geisterhand aufeinandertreffen und gemeinsam mit einem unkonventionellen koreanischen Touristenführer zu einer utopisch aufgeladenen Schicksalsgemeinschaft zusammenwachsen. „Sehnsucht in Sangerhausen“ ist ein verspielt-optimistischer Gegenentwurf zur Trostlosigkeit des deutschen Sozialdramas und lässt den Osten in einer Schönheit erstrahlen, wie man dies seit dem Mauerfall nicht mehr gesehen hat. Mein Filmhighlight 2025.</p>
</div><div class="caption-outer"><div class="caption-inner"><div><p>Tim Schenkl</p>
</div></div></div></div></div></div><figure class="content-entity content-embed video"><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="embed-source"><iframe width="560" height="315" src="https://www.youtube.com/embed/aMYyoKrq1zE?si=EFTaO4anexMXISOT" title="YouTube video player" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" allowfullscreen></iframe></div></div></div></figure></div></section><section class="content-section twoway"><div class="groups"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><h1 id="slow-horses">Slow Horses</h1>
<p>Wieder geschaut, wieder super. Beeindruckend vor allem in der fünften Staffel, wie sich die Serie immer mehr dramaturgisch hochjazzt in der inhärenten Egalheit der Londoner Backstreets. Der Plot der sechs 2025er-Folgen ist nach dran an den besten Zeiten von „Spooks“ – mit dem Unterschied, dass Gary Oldman nach wie vor einen unerreichten Ton setzt, der zwischen Humor und Sarkasmus die Realität besser einfängt als das meiste Andere.</p>
</div><div class="caption-outer"><div class="caption-inner"><div><p>Thaddeus Herrmann</p>
</div></div></div></div></div></div></div><div class="group top"></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><h1 id="trm-f-r-nachhaltigere-ki">TRM für nachhaltigere KI</h1>
<p>In ihrer Forschungsarbeit mit dem Titel <em>Less is More: Recursive Reasoning with Tiny Networks</em> stellt die KI-Forscherin Alexia Jolicoeur-Martineau eine provokante These auf: Für komplexes logisches Denken braucht es keine riesigen Sprachmodelle mit Hunderten Milliarden Parametern. Stattdessen können sehr kleine, gezielt aufgebaute neuronale Netze erstaunlich leistungsfähig sein – oft sogar leistungsfähiger als bekannte Large Language Models.</p>
<p>Ausgangspunkt ihrer Arbeit ist das sogenannte <em>Hierarchical Reasoning Model (HRM)</em>, ein neuartiger Ansatz für maschinelles Denken. HRM besteht aus zwei kleinen neuronalen Netzen, die auf unterschiedlichen Zeitskalen arbeiten und sich dabei rekursiv, also wiederholt, gegenseitig aufrufen. Dieser Mechanismus ist biologisch inspiriert und orientiert sich an der Idee, dass auch das menschliche Gehirn auf mehreren Ebenen mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten denkt. Trotz seiner geringen Größe zeigt HRM beeindruckende Ergebnisse bei besonders schwierigen Aufgaben. Dazu gehören klassische Logikprobleme wie Sudoku und Labyrinthe, aber auch der ARC-AGI-Benchmark, der als einer der anspruchsvollsten Tests für abstraktes maschinelles Denken gilt. Bemerkenswert ist vor allem, dass HRM mit relativ wenig Trainingsdaten auskommt. Mit rund 27 Millionen Parametern und etwa tausend Trainingsbeispielen erreicht es Leistungen, für die andere Modelle enorme Datenmengen und Rechenressourcen benötigen.</p>
<p>Gleichzeitig macht Jolicoeur-Martineau deutlich, dass HRM noch nicht vollständig verstanden ist und möglicherweise nicht optimal arbeitet. Genau an diesem Punkt setzt ihre neue Idee an. Sie schlägt ein deutlich vereinfachtes Modell vor, das sie <em>Tiny Recursive Model (TRM)</em> nennt. Während HRM noch aus zwei getrennten Netzwerken besteht, nutzt TRM nur ein einziges, sehr kleines neuronales Netz mit lediglich zwei Schichten. Das Modell verarbeitet seine eigenen Zwischenergebnisse immer wieder neu und entwickelt so Schritt für Schritt eine Lösung.</p>
<p>Mit nur etwa sieben Millionen Parametern erreicht es auf ARC-AGI-1 eine Testgenauigkeit von 45 Prozent und auf ARC-AGI-2 rund acht Prozent. Diese Werte liegen über denen vieler großer Sprachmodelle wie DeepSeek R1, o3-mini oder Gemini 2.5 Pro, obwohl TRM weniger als 0,01 Prozent der Parameter dieser Modelle besitzt.</p>
</div><div class="caption-outer"><div class="caption-inner"><div><p>ChatGPT</p>
</div></div></div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><h1 id="zea-drumband-hallelujah-makkum-in-lichem-fol-beloften-makkum-">ZEA &amp; Drumband Hallelujah Makkum – in lichem fol beloften (Makkum)</h1>
<p>Ein desolater Altpunk singt mit distanzierten Gesten von der Marschkapelle seines Vaters, begleitet traurige Lieder mit Texten von unter anderem Nelly Sachs – und zwar auf Friesisch. Der Elevator Pitch zu „in lichem fol beloften“ ist dermaßen absurd, dass es ernsthaft überrascht, wie gut das Endresultat funktioniert. The-Ex-Mitglied Arnold de Boer und die drei anderen Mitglieder von ZEA – Xavier Charles (Klarinette), Harald Austbø (Cello) und Ineke Duivenvoorde (Schlagzeug) – setzen in ihren sehr intimen Stücken den Bombast der Drumband Hallelujah Makkum nur selten und sehr klug ein. Es gibt auf diesem Album keine großen Gesten, stattdessen reihen sich kleine Momente der Verzweiflung und des Trosts aneinander. Das lässt sie selbst in ihren kammermusikalischsten Momenten imposant und dann noch nahbar scheinen, wenn die gesammelten Trommelstöcke auf den Snares rühren. Es gibt kein, wird niemals ein zweites Album wie dieses geben. Es wird bleiben, wenn alles andere schon wieder zusammengebrochen ist.</p>
</div><div class="caption-outer"><div class="caption-inner"><div><p>Kristoffer Cornils</p>
</div></div></div></div></div></div><figure class="content-entity content-embed center"><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="embed-source"><iframe style="border: 0; width: 350px; height: 470px;" src="https://bandcamp.com/EmbeddedPlayer/album=101897684/size=large/bgcol=ffffff/linkcol=0687f5/tracklist=false/transparent=true/" seamless><a href="https://zeamusic.bandcamp.com/album/in-lichem-fol-beloften">in lichem fol beloften by ZEA &amp; DRUMBAND HALLELUJAH MAKKUM</a></iframe></div></div></div></figure></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><h1 id="zus-tzlichkeit">Zusätzlichkeit</h1>
<p>Ein Wort, großer Unterschied: In das enorme Sondervermögen, das ausgerechnet von der konservativen neuen Regierung auf den Weg gebracht wurde, hatten vor allem die Grünen noch dieses Wort hinein verhandelt. Damit sollte klargestellt werden: Mit dem 500 Milliarden großen Geldsegen sollten <em>zusätzliche</em> Investitionen in Verkehr, Energie, Digitalisierung, Bildung u. a. finanziert werden, genauer: Gelder sollen nur dann fließen, wenn sie tatsächlich über das normale Investitionsniveau im Bundeshaushalt hinausgehen, nicht aber bestehende Projekte ersetzen. Ein smarter Move, doch der Tigersprung landet schon nach einem halben Jahr als Bettvorleger. Denn in Gesetzesfassungen und Haushaltsplänen wurde das Wort, insofern haben wir es mit einem Wortbruch zu tun, rausgestrichen oder so abgeschwächt, dass am Ende bereits vorgesehen Investitionen oder sogar konsumptive Ausgaben damit bezahlt werden. Aktuellen Studien zufolge wird bereits jeder zweite Zusatzeuro dafür verwendet.</p>
</div><div class="caption-outer"><div class="caption-inner"><div><p>Jan-Peter Wulf</p>
</div></div></div></div></div></div></div></section>]]></content><author><name> </name></author><author><name> </name></author></entry><entry><published>2025-12-20T08:47:10.972Z</published><updated>2025-12-20T08:47:10.972Z</updated><link href="/sounds/plattenkritik-the-black-dog-loud-ambient-dust-science-recordings-alors-on-danse" rel="alternate"></link><id>/sounds/plattenkritik-the-black-dog-loud-ambient-dust-science-recordings-alors-on-danse</id><title>Plattenkritik: The Black Dog – Loud Ambient (Dust Science Recordings) - Alors on danse</title><content type="html"><![CDATA[<img src="http://static.dasfilter.com/images/2025/12/20/cover-x.jpg" alt="cover"/><p>Zum Jahresausklang: Anti-Ambient aus Sheffield.</p>
<section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p>Melodiös, retrofuturistisch und mit ordentlich Bummbumm: The Black Dog, dem legendären Act, der in verschiedenen Formationen um Ken Downie herum seit 1989 (!) Platten rausbringt, zeigen sich hier von hier Anti-Ambient-Seite, sie nennen es <em>Loud Ambient</em>. Während man sich zuletzt mit der experimentellen Reihe „My Brutal Life“ dem spannenden Verhältnis des Architekturstils – in der Heimatstadt Sheffield an vielen Stellen präsent – und Musik zugewandt hatte, packt „Loud Ambient“ die Rolands aus. Man zieht die Regler hoch und bewegt zum Tanzen, „etwas, das wir schon lange nicht mehr gemacht haben (kenn ich, Anm. d. Red.)“, lassen TBD wissen. Auf dieser Tanzfläche wummert es mitunter ordentlich, ohne dass es je stupide wird, dafür ist das Handwerk bei allem Mut zum rohen Beschlag zu gelernt. Sonnen gehen auf und unter, Nebel zischt hinein, Lichter blitzen, das ganze Instrumentarium, das den Dancefloor immer wieder zum heiligen Ort macht. Es tanzen mit: Nathan Fake, James Holden, Pantha du Prince, die Boards of Canada ... mal schauen, wer noch so dazu stößt zu dieser Späte-Nullerjahre-Sound-Party. Ein großes, wichtiges Album? Eher nicht. Dafür ein kleines, schwungvolles und positives, das einem unendlich bräsigen Jahr den Arschtritt gibt. Was danach kommt, wer weiß das schon. Tanzen wir hinein, you better not kill the groove.</p>
</div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><figure class="content-entity content-embed center"><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="embed-source"><iframe data-testid="embed-iframe" style="border-radius:12px" src="https://open.spotify.com/embed/album/5a1UTBrZDRr3rOFxoDCh08?utm_source=generator" width="300" height="380" frameBorder="0" allowfullscreen="" allow="autoplay; clipboard-write; encrypted-media; fullscreen; picture-in-picture" loading="lazy"></iframe></div></div></div></figure></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><figure class="content-entity content-embed center"><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="embed-source"><iframe height=380" width="300" title="Media player" src="https://embed.music.apple.com/us/album/loud-ambient/1847333395?itscg=30200&amp;itsct=music_box_player&amp;ls=1&amp;app=music&amp;mttnsubad=1847333395&amp;at=10lJRN&amp;theme=auto" id="embedPlayer" sandbox="allow-forms allow-popups allow-same-origin allow-scripts allow-top-navigation-by-user-activation" allow="autoplay *; encrypted-media *; clipboard-write" style="border: 0px; border-radius: 12px; width: 300; height: 380px; max-width: 660px;"></iframe></div></div></div></figure></div></section>]]></content><author><name> </name></author></entry><entry><published>2025-12-12T07:51:28.691Z</published><updated>2025-12-12T07:51:28.691Z</updated><link href="/sounds/plattenkritik-kolorit-lose-ideen-workshop-unter-dem-pflaster-liegt-der-dancefloor" rel="alternate"></link><id>/sounds/plattenkritik-kolorit-lose-ideen-workshop-unter-dem-pflaster-liegt-der-dancefloor</id><title>Plattenkritik: Kolorit – Lose Ideen (Workshop) - Unter dem Pflaster liegt der Dancefloor</title><content type="html"><![CDATA[<img src="http://static.dasfilter.com/images/2025/12/9/plattenkritik-kolorit-lose-ideen-banner-x.jpg" alt="Plattenkritik Kolorit Lose Ideen Banner"/><p>Lowtec und Kassem Mosse renken den techno wieder ein.</p>
<section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p>Aus der entfernten Ferne war 2025 ein ereignisloses Jahre der Techno-Geschichte. Ich mag damit falsch liegen. Ich krieche dann 2026 zu Kreuze. Es ist zu viel passiert, was hier nicht hingehört, bei mir aber doch reichlich Fragezeichen hinterlassen hat. Aber: Es gibt einen Unterschied zwischen „Szene“ und Musik. Reden wir also über die Musik. Die von Lowtec und Kassem Mosse. Denn die beiden Producer haben neue Tracks veröffentlicht.</p>
<p>Jens Kuhn, (<a href="/tags/lowtec">Lowtec</a>), und Gunnar Wendel, (<a href="/tags/kassem-mosse">Kassem Mosse</a>), sind für mich über alle Zweifel erhaben. Wenn sie wollen, zerlegen sie mit nur einem Groove und einem Chord den Dancefloor so heftig, dass sich alle gefeierten und gebuchten Beatmaker:innen schnellstens ins Trainingslager zurückziehen. Doch das Tolle an Lowtec und Kassem Mosse ist ja, dass sie genau das meistens gar nicht wollen, den Dancefloor zerlegen. Das habe sie längst hinter sich und arbeiten stattdessen lieber an ihrem Katalog, an der Bereitstellung von Ideen, die auf genau das einzahlen, was Techno einst so einzigartig, wichtig und zukünftig machte. Sounds, Welt, und wie das nicht nur zusammenpassen, sondern die Gemengelage auch wirklich verändern könnte. Alte Schule durch und durch. Grandseigneurs der Urknall-Idee zwischen Beats und Klang. Als „Kolorit“ sind sie gemeinsam eher selten unterwegs. Umso besser, dass es nun sechs neue Stücke gibt.</p>
<p>Natürlich werden das alle feiern. Oder zumindest respektvoll abnicken. Was mich wieder auf den Widerspruch zwischen „Szene“ und Musik bringt. Hier rummst nichts, hier wird nicht geballert, Drops sind weit weg. Zum Glück. Denn es sind genau diese Platten, die den Glauben an ein besseres Morgen aufrecht erhalten. Lose Ideen eben, in einen Ring geworfen, der schon lange keine nachvollziehbare Identität mehr hat, aber immer noch heftiger pumpt, als TikTok Likes generiert. Virale Skizzen, aus denen Welten entstehen, deren Wurzelwerk nachhaltiger ist, als das Selfie vor dem Berghain. Ruff und auf den Punkt. Wer das mixt, ist wirklich DJ. Ich will keine Hände, sondern Tränen sehen. Und „Lose Ideen“ ist ein Sturzbach der Gefühle und Emotionen.</p>
</div></div></div></div><figure class="content-entity content-embed center"><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="embed-source"><iframe style="border: 0; width: 350px; height: 654px;" src="https://bandcamp.com/EmbeddedPlayer/album=1795984126/size=large/bgcol=ffffff/linkcol=0687f5/transparent=true/" seamless><a href="https://lowtec-workshop-records.bandcamp.com/album/lose-ideen">Lose Ideen by Kolorit</a></iframe></div></div></div></figure></div></section>]]></content><author><name> </name></author></entry><entry><published>2025-12-05T10:56:28.583Z</published><updated>2025-12-05T10:56:28.583Z</updated><link href="/sounds/plattenkritik-tortoise-touch-international-anthem-wiedersehen-macht-freude" rel="alternate"></link><id>/sounds/plattenkritik-tortoise-touch-international-anthem-wiedersehen-macht-freude</id><title>Plattenkritik: Tortoise – Touch (International Anthem) - Was kommt eigentlich nach Post-Rock?</title><content type="html"><![CDATA[<img src="http://static.dasfilter.com/images/2025/12/2/tortoise-touch-cover-x.jpg" alt="Tortoise Touch Cover"/><p>Wiedersehen kann glücklich machen. Nach neun Jahren kehren Tortoise mit einem neuen Album zurück.</p>
<section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p>Die Chicagoer Band Tortoise ist eine der wichtigsten Bands des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Sie sind mehr oder weniger die Erfinder des Genre Post-Rock (wenn auch wie hier immer andere es sind, die mit Schubladen arbeiten) und für Jahre war Chicago und das Label Thrill Jockey so etwas wie der Nukleus in einer Welt, die so allmählich genug hatte von Grunge, Nu Metal und Hardcore – viele sich in elektronischere Gefilde orientierten oder einfach in der Versenkung verschwanden. </p>
<p>Nach dem Album „The Catastrophist“ von 2016 lag auch hier die Befürchtung nahe, dass die kongeniale Band um Dan Bitney, John Herndon, Douglas McCombs, John McEntire und Jeff Parker von der Oberfläche verschwindet. Umso glücklicher darf man sein, dass nach neun Jahren mit „Touch“ endlich wieder ein neues Album erscheint, das vor allem auch zeigt, wie sehr man Tortoise vermisst hat, weil sie einen einzigartigen Sound geschaffen haben, den niemand nachzuahmen vermochte. „Touch“ erscheint auf dem Label International Anthem, auf dem auch Gitarrist Jeff Parker bereits releaste. Der Opener „Vexations“ steigt ein mit gemutetem Rock-Riff und Spaghetti-Western-Gitarren und gibt die Richtung vor. Die Songs auf „Touch“ sind nicht so verspielt, wie man es vielleicht erwartet hätte. Es ist konkret, fast eklektisch und fokussiert, zeigt aber gleichzeitig die Spannweite, in der sich Band von Beginn an bewegt. Elektronische Techno-Sequenzen, Krautrock, Experimentelles, Cineastisches und natürlich die offenen assoziativen Koordinaten des Jazz. Gefällig ist hier indes nichts. In den perfekten Momenten wird gestört, verzerrt und auseinandergerissen, um dann wieder Sonnen aufgehen zu lassen. </p>
<p>Mal wieder zeigt Tortoise, wie wichtig es ist, Musik ohne Dogmen zu denken und zu spielen. Klangwelten, die sehr vertraut sind und zugleich neue Sichtachsen eröffnen. Sie steht gewissermaßen aber auch für die Fragilität und Instabilität der Gegenwart. Man weiß nicht mehr, was morgen ist, ob alles anders und alles frühere über Bord geworfen wird. Dass understates Virtuosentum und das Vermögen, die richtigen Fragen zu stellen umso wichtiger sind, zeigen diese zehn Songs. Dass Umwege heute dazu gehören, um zum Ziel zu kommen. Nächstes Jahr sind Tortoise auf Tour in Europa, alleine das dürfte eines der Highlights von 2026 werden. Dass dabei ein neues und eines ihrer besten Alben dabei ist, lässt die Vorfreude noch größer werden. Ein nostalgischer, aber zugleich hochaktueller Entwurf, der die Sorge vor KI-Indoktrinationen und undurchschaubaren Slops zumindest für eine Weile vergessen lässt.</p>
</div></div></div></div></div></section><section class="content-section twoway"><div class="groups"><div class="group top"><figure class="content-entity content-embed center"><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="embed-source"><iframe style="border-radius:12px" src="https://open.spotify.com/embed/album/38xLFACKJBodx4HiYqwfUi?utm_source=generator" width="300" height="380" frameBorder="0" allowfullscreen="" allow="autoplay; clipboard-write; encrypted-media; fullscreen; picture-in-picture"></iframe></div></div></div></figure></div><div class="group top"><figure class="content-entity content-embed center"><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="embed-source"><iframe height="450" width="100%" title="Mediaplayer" src="https://embed.music.apple.com/us/album/touch/1835037085?itscg=30200&amp;itsct=music_box_player&amp;ls=1&amp;app=music&amp;mttnsubad=1835037085&amp;theme=auto" id="embedPlayer" sandbox="allow-forms allow-popups allow-same-origin allow-scripts allow-top-navigation-by-user-activation" allow="autoplay *; encrypted-media *; clipboard-write" style="border: 0px; border-radius: 12px; width: 100%; height: 450px; max-width: 375px;“></iframe></div></div></div></figure></div></div></section>]]></content><author><name> </name></author></entry><entry><published>2025-12-03T09:48:17.819Z</published><updated>2025-12-03T09:48:17.819Z</updated><link href="/kultur/die-tanzmaschinen-ballett-und-techno-soraya-schulthess-choreografin-von-danc-im-interview" rel="alternate"></link><id>/kultur/die-tanzmaschinen-ballett-und-techno-soraya-schulthess-choreografin-von-danc-im-interview</id><title>Die Tanzmaschinen - Ballett und Techno: Soraya Schulthess, Choreografin von DANCÆ, im Interview</title><content type="html"><![CDATA[<img src="http://static.dasfilter.com/images/2025/12/2/danc-banner-x.jpg" alt="DANCÆ banner"/><p>Ballett auf 120 BPM? Die klassische Tanzform bekommt schon seit Längerem ein technoides Lifting. Soraya Schulthess mischt dabei als klassisch ausgebildete Ballerina mit ihrem noch jungen Projekt DANCÆ mit. Hier geht’s nicht um Modern Dance: Die Basis ist der so hart trainierte Danse d’École, Techno der Taktgeber.</p>
<section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p>Für das neue Projekt und als Teamleaderin castete die junge Frau ein professionelles Ballettensemble. Zusammen mit Senior Director Renato De Leon erarbeitet sie mit ihrem Ballet Sur_real, in dem sie selbst mittanzt, das Narrativ jeder Produktion.</p>
<p>Soraya Schulthess wurde in Zürich geboren und wuchs in Colorado auf. Mit 15 ging sie nach Berlin zur Staatlichen Ballettschule und lernte weiter in Sankt Petersburg. Eine Hüftoperation mit 28 durchkreuzte ihre Pläne einer Ballettkarriere und zwang sie zu einer langen Pause: <em>„It was a blessing in disguise“</em>, beschreibt sie diese Phase. Tschaikowskis „Nussknacker“ oder „Schwanensee“ tanzen? Dieser Traum war nie verloren. Im Gegenteil, dieses einschneidende Erlebnis gab ihr den finalen Push. Ein Jahr lang schraubte sie mit ihren Partnerinnen und Partnern an Idee und Struktur von DANCÆ. Vor einem Jahr gründete sie die Firma dahinter. Einer dieser kreativen Köpfe eben, die mit ihrer ganzen Erfahrung die Schwelle der Selbstverwirklichung überwunden haben und nun die ersten Früchte ernten. Ein Gespräch nach dem Training für die neue Show DANCÆ x Chlär über das liebe Geld, wie man eine Emotion tanzt und wie es sich anfühlt von der großen Opernbühne jetzt zwischen den Stühlen in alten Fabriken zu tanzen.</p>
<p>DANCÆ x Chlär ist ein choreografisches Gesamtwerk, in Zusammenarbeit mit BBA Gallery, die eine immersive Installation hinter der Bühne präsentiert. Im ersten Teil des Abends präsentiert Elizaveta Poliakova ihr Solostück „The Flag“. Technoid wird es danach mit dem Ballet Sur_real, dem offizielle Tanzensemble von DANCÆ. Zum raumfüllenden, harten Live-Sound vom jungen Schweizer DJ und Musikproduzenten schwebt das junge Ensemble leichtfüßig durch die alte Halle an der Berliner Arena.</p>
</div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p><strong>Wie ist die Idee für DANCÆ entstanden?</strong><br>Ich hatte schon während meiner Ballettausbildung häufig das Gefühl von einer unsichtbaren Wand zwischen Publikum und mir. Diese erschwerte eine echte Verbindung. Ich war ja lange verletzt und beschäftigte mich intensiver mit philosophischen und psychologischen Themen – und wie man diese durch Tanz vermitteln könnte. Vor etwa zwei Jahren wurde ich dann von dem Berliner Künstler Jonathan Applebaum eingeladen, bei einer Installation in seiner Galerie aufzutreten. Aus dieser Zusammenarbeit entwickelte sich die Idee, Installationskunst mit Tanz zu verbinden. Eine weitere Person im Team brachte außerdem den Ansatz ein, Ballett mit elektronischer Musik zu kombinieren. Wir wussten, dass das keine neue Idee ist. Wir fanden aber einen eigenen neuen Zugang dazu. So entstand schließlich das Konzept, im Ballett elektronische Musik und Installation Art zu einer gemeinsamen Performance zu verschmelzen.</p>
<p><strong>Im September fand eure letzte Show in einer alten Fabrik im Norden Berlins statt. Inhaltlich ging es ums Dating – um Liebe in digitalen Zeiten der Konsumgesellschaft. Es geht euch also nicht nur um eine nette Show?</strong><br>Absolut. Die Shows haben immer eigene Themen. In unserem Stück vom Sommer ging es zum Beispiel um die Struktur der Jung’schen Archetypen, also dem kollektiven Unbewussten. Es geht uns dabei aber nicht um ein klassisches Handlungsballett. Unsere Produktionen sind deutlich abstrakter, aber dennoch trägt jedes Stück eine eigene narrative Linie in sich.</p>
</div></div></div></div><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p><strong>Worum geht es in der aktuellen Show im Haus der Visionäre?</strong><br>Im Kern geht es um Technologie und unser Verhältnis zu ihr – insbesondere um Künstliche Intelligenz und mögliche Zukunftsszenarien. Uns ist dabei wichtig, keine klare Position abzugeben. Weder wollen wir sagen, dass KI alles besser oder schlechter machen wird. Noch wollen wir ein Weltuntergangsszenario zeichnen. Stattdessen möchten wir das Thema offenhalten und vor allem zeigen, wie Künstliche Intelligenz bereits jetzt mit uns interagiert und welchen Einfluss sie auf uns hat.</p>
<p><strong>Du leitest nun ein Team und bist quasi Unternehmerin. Hast du dich in der Richtung fortgebildet?</strong><br>(lacht) Oh Gott, nein. Ich lerne eher jeden Tag dazu. Neben dem Choreografieren und Performen gibt es also eine geschäftliche Seite, Aufgaben, die man einfach lernen und übernehmen muss. Für unsere Produktionen arbeiten wir aber auch mit weiteren Personen zusammen. Wir haben in der Regel auch eine Producerin oder einen Producer, die uns bei vielen organisatorischen Aufgaben unterstützen. Dazu gehören zum Beispiel auch Dinge wie Steuern oder Finanzplanung. Man lernt eben im Prozess und erkennt mit der Zeit, was man gut kann und was nicht. Ich mache definitiv Fehler. Alles andere hingegen, wie E-Mails schreiben, Konzepte entwickeln, mit Tänzerinnen und Tänzern sprechen oder Probenpläne organisieren, bekomme ich gut hin und fühle mich darin kompetent. Aber letztlich geht es nur über Learning by Doing.</p>
</div></div></div></div></div></section><section class="content-section twoway"><div class="groups"><div class="group top"></div><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p><strong>Können Tanzprojekte politisch sein?</strong><br>Auf jeden Fall. Mich persönlich reizt das aber nicht so sehr. Mich interessiert eher die menschliche Existenz an sich, also warum wir tun, was wir tun. Dennoch gibt es viele Projekte und Choreograf:innen, die sich intensiv mit politischen Themen auseinandersetzen.</p>
<p><strong>Gibt es Emotionen oder Themen, die man nicht auf die Bühne bringen kann?</strong><br>Es gibt definitiv Dinge, die sehr schwer auf die Bühne zu bringen sind. Durch den performativen Charakter des Tanzes gehen feinere Nuancen oft leicht verloren. Man sollte also nicht zu extrem oder zu theatralisch werden – etwa wenn eine Szene wütend ist und alle dann einfach nur wütend spielen. Eine Arbeit mit echter Tiefe zu versehen, ohne dabei zu überzeichnen, oder im Gegenteil zu wenig Ausdruck zu zeigen: Das ist eine echte Herausforderung. Speziell bei Emotionen ist es so, dass das Publikum zu fein dargestellte gar nicht mitbekommen würde. In Schrift oder Musik lassen sich bestimmte Schattierungen manchmal einfacher transportieren. Tanz ringt stärker darum, diese Feinheiten sichtbar zu machen.</p>
</div></div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p><strong>Du hast anfangs von der unsichtbaren Wand gesprochen. Ich stelle mir die Interaktion mit dem Publikum sehr herausfordernd vor.</strong><br>Das muss man definitiv lernen. Für viele Tänzer:innen, die aus traditionellen Opernhäusern kommen, war es anfangs einschüchternd oder überwältigend in direktem Kontakt mit dem Publikum zu stehen. Deren Gesichter zu sehen, ihre Reaktionen unmittelbar wahrzunehmen. In unseren Produktionen ist die Bühne oft mitten im Raum aufgebaut, das Publikum sitzt rundherum, und das kann anfangs sehr verwirrend sein. Mit der Zeit gewöhnt man sich jedoch daran. Diese Arbeitsweise kann unglaublich bereichernd sein. Für mich ist es außerdem sehr spannend, mit der Architektur eines Raumes zu arbeiten. Die klassische zweidimensionale Bühnensituation empfinde ich dagegen oft als limitierend. Dort muss ein Stück extrem fesselnd sein, damit das Publikum nicht gedanklich abschweift – was in vielen Fällen schlicht nicht gelingt. Deshalb interessiert mich die Frage, wie man den Raum auf interessante Weise nutzen kann, um eine intensivere Verbindung zu schaffen und dafür zu sorgen, dass das Publikum wirklich im Geschehen bleibt.</p>
<p><strong>Wie findet ihr eure Pop-up-Locations?</strong><br>Im Frühjahr haben Renato de Leon und ich viel Zeit damit verbracht, geeignete Orte zu finden. Darauf aufbauend haben wir unseren Jahresplan erstellt. Das war schwierig, weil viele Räume stark auf Corporate-Events ausgerichtet sind und entsprechend „fertig“ oder standardisiert wirken. Außerdem spielt Geld eine Rolle. Viele großartige Locations wie etwa das Kraftwerk sind extrem teuer zu mieten. Trotzdem hatten wir Glück und fanden tolle Orte. Das Haus der Statistik war sehr unterstützend, auch das Haus der Visionäre ist ein fantastischer Raum für unsere Aufführungen. Nächstes Jahr wollen wir auf Tour gehen und auch außerhalb Berlins passende Locations finden. Wir haben inzwischen vier abendfüllende Stücke entwickelt und damit wollen wir rausgehen.</p>
<p><strong>Lässt sich damit Geld verdienen?</strong><br>Das erste Jahr war ziemlich herausfordernd, weil die Produktionskosten am Ende meistens genauso hoch waren wie die Einnahmen aus den Tickets. Für das kommende Jahr wollen wir das unbedingt ändern und uns breiter aufstellen, längerfristige Finanzierungsquellen finden – sowohl öffentliche Fördermittel als auch private Unterstützung. Damit das Projekt nachhaltiger wachsen kann.</p>
</div></div></div></div><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p><strong>Ballettaufführungen sind in der Regel teure Veranstaltungen. Wie geht ihr damit um?</strong><br>Es ist schon hart, besonders in Berlin. Die Menschen hier sind nicht bereit, jeden Preis zu zahlen. Die Lebenshaltungskosten sind gestiegen, viele Menschen gehen kaum noch aus. Unsere Produktion hat einen bekannten Produzenten, eine Kunstinstallation und ein abendfüllendes Ballett – der Ticketpreis liegt bei 39 Euro, was meiner Meinung nach fair ist. Trotzdem empfinden manche Leute das bereits als zu teuer. Ein niedrigerer Preis für Jugendliche oder sehr junge Besucher ist bei uns einfach nicht machbar, da die Kosten für die Produktion sonst nicht gedeckt werden könnten.</p>
<p><strong>Das trifft auch auf andere Kultursparten in Berlin zu. Viele unterstützen die Kulturszene theoretisch und bejahen sie. Es herrscht in Berlin aber ein gewisser Geiz, wenn es ums Bezahlen geht. Kultur kostet Geld.</strong><br>Und dann möchten alle auf die Gästeliste. Bei uns gibt es gar keine Liste, die wäre einfach nicht fair. Als Zuschauer:in sieht man nicht, wie viel Arbeit hinter einer Produktion steckt. Zum Beispiel die Beleuchtung: Es wirkt wie ein paar Lichter und ein Techniker, dabei steckt dahinter unzählige Stunden Arbeit, das Mieten von Lichtern, Bänken, Podesten, Transport, Versicherung. Das ist sehr viel Geld. Wenn man selbst Veranstaltungen organisiert, merkt man erst, wie viele Menschen man bezahlen muss. Hinter einer Produktion arbeiten fast 25 bis 30 Personen, zusätzlich zu den Tänzer:innen. Jeder muss für seine Arbeit entlohnt werden, für das Grafikdesign, Ton, Location, Lizenzen – die Liste ist endlos.</p>
<p><strong>Tanzen ist heute dein Beruf. Hat sich da Verhältnis zum Tanzen selbst für dich verändert?</strong><br>Ich habe immer noch dasselbe Gefühl dabei wie als Kind. Meine Verletzung hat das noch verstärkt, weil ich den Tanz jetzt viel mehr zu schätzen weiß. Ich habe nun als Choreografin auch mehr Verantwortung. Dadurch ist es ist manchmal schwierig, mich ganz auf meinen eigenen Körper zu konzentrieren. Es fühlt sich fast so an, als hätte man einen geteilten Fokus. Trotzdem liebe ich es wirklich. Es ist ein großes Geschenk, jeden Tag ins Studio gehen zu können, mich zu bewegen, kreativ zu sein und diese ganze Plattform als Spielplatz zu erleben. Ich kann ausprobieren, was ich will, einfach machen. Diese Freiheit empfinde ich als sehr wertvoll und bin dafür sehr dankbar.</p>
<p><strong>Das klingt, als wären Tänzerinnen und Tänzer glücklichere Menschen …</strong><br>Haha, genau. Wir haben den Schlüssel zum Glück gefunden. Nein, im Ernst. Tanz ist nicht gleich tanzen. Ich habe viele Situationen erlebt, in denen ich dachte, dass ich das nicht mehr machen möchte. Aber es gab auch fantastische Momente. Tanzen bedeutet nicht immer nur Spaß und happy sein. Doch tief in mir drin weiß ich, dass tanzen für mich bereichernd ist.</p>
</div></div></div></div><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p>DANCÆ x Chlär<br>Haus der Visionäre, Eichenstraße 4A, 12435 Berlin<br><strong>Termine</strong>:<br>02.–11. Dezember 2025, verschiedene Tage und Uhrzeiten<br><a href="https://www.universe.com/events/dancae-x-chlar-tickets-S0WL73">Tickets</a>: 32–52 Euro</p>
<p><a href="https://www.dancaeberlin.com">​DANCÆ</a></p>
</div></div></div></div></div></section>]]></content><author><name> </name></author></entry><entry><published>2025-11-30T12:20:49.023Z</published><updated>2025-11-30T12:20:49.023Z</updated><link href="/kultur/pageturner-dezember-2025-kein-ende-in-sicht-literatur-von-marie-helene-bertino-behzad-karim-khani-und-tea-obreht" rel="alternate"></link><id>/kultur/pageturner-dezember-2025-kein-ende-in-sicht-literatur-von-marie-helene-bertino-behzad-karim-khani-und-tea-obreht</id><title>Pageturner – Dezember 2025: Kein Ende in Sicht - Literatur von Marie-Helene Bertino, Behzad Karim Khani und Téa Obreht</title><content type="html"><![CDATA[<img src="http://static.dasfilter.com/images/2025/11/25/pageturner-dezember-2025-banner-x.jpg" alt="Pageturner Dezember 2025 Banner"/><p>Eine selbsternannte Alien blickt tieftraurig auf die Welt, ein Migrant strampelt sich im Hochhaus frei und eine Elfjährige bezwingt New York, oder das, was davon übrig ist. Frank Eckert schwenkt den literarischen Suchscheinwerfer auf der Spur nach Licht für die Zukunft.</p>
<section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><h2 id="marie-helene-bertino-beautyland-farrar-straus-giroux-2024-">Marie-Helene Bertino – Beautyland (Farrar, Straus &amp; Giroux, 2024)</h2>
<p>Adine, geboren am Tag als Voyager I die Erdumlaufbahn verlässt, ist ein Alien. Oder doch ein Mensch? Jedenfalls nimmt sie quasi seit ihrer Geburt die Welt aus einer beobachtenden Fremdperspektive wahr. Mit einem Blick, in dem die Selbstverständlichkeiten der sozialen Konventionen, Familie, Schule, Freundschaften, Religion und all die anderen Dinge des Lebens nicht einfach so hingenommen werden können, sondern untersucht, befragt werden müssen. Hilfestellung gibt dabei ein vergilbtes Faxgerät, mit dem sie nicht nach Hause telefonieren, sondern faxen kann. </p>
<p>Die Weltsicht, die die Erzählerin so entwickelt, ist oft absurd, manchmal erhellend und immer tieftraurig. Ist sie doch nicht der kleine Prinz, erst recht keine Prinzessin, sondern die Tochter einer Alleinerziehenden mit allerlei Problemen, vorwiegend finanzieller Natur. So ist Adina von einer existentiellen, geradezu transzendentalen Einsamkeit und Verunsicherung geprägt. Also ein ganz normaler Teenager. Dieses Anderssein, ohne wirklich anders zu sein, bestimmt ihre Interessen an allem Außerirdischen, ihre rollkragenpullovrige Verehrung für Carl Sagan. Trost spenden dabei unerwarteter Weise der titelgebende Kosmetik-Discounter „Beautyland“ und die Musik von Philip Glass. Das Gefühl der Nichtzugehörigkeit – in aller sozialen Eingebundenheit und allem gesellschaftlichen Funktionieren – wird sie allerdings auch nach der High School nicht los. Nicht durch den Umzug aus der relativen Provinz eines Vororts von Philadelphia nach New York, nicht mit einem Job in der Buchhaltung, nicht mit Freunden und (asexuellen) Beziehungen. So bleibt der dritte Roman der Brooklyner Autorin und Literaturdozentin Marie-Helene Bertino (trotz der nie näher ausgeführten fantastischen, oder vielleicht eher magisch-realistischen Elemente) eine letztlich doch annähernd konventionelle Coming-Of-Age-Chronik einer ein wenig, aber wirklich nur ein wenig seltsamen Außenseiterin. </p>
<p>Der Roman ist also viel mehr Reflexion über Zugehörigkeit, gezwungene und gewählte Verwandtschaft als spekulative Science Fiction. Die Achtziger hier haben mit Stranger Things oder E.T. so richtig gar nichts zu tun. Kein Zufall also, dass Bertino eher mit literarischen Peers wie Tommy Oragne oder Kaveh Akbar assoziiert wird als mit Genreliteratur. Das Alien-Thema ist weit weniger originell eingearbeitet als erwartet, dennoch sind die Feinheiten dieses sowohl selbstgewählten wie auch von außen zugeschriebenen Außenseiterdaseins exzellent beobachtet, die grauschleierige Einsamkeitsmelancholie überaus kunstfertig erzählt.</p>
</div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><h2 id="behzad-karim-khani-als-wir-schw-ne-waren-hanser-berlin-2024-">Behzad Karim Khani – Als wir Schwäne waren (Hanser Berlin, 2024)</h2>
<p>Die zehn, 15 verschiedenen Ausdrücke für Stolz, die es laut dem Erzähler von „Als wir Schwäne waren“ im Persischen gibt, sie haben kein Äquivalent in der deutschen Sprache, sind aber allesamt gekränkt und verraten vom Einwandererstatus im Bochumer Hochhaus/Problemviertel. Die Eltern waren im Iran Intellektuelle, in den Achtzigern vor dem Regime und der „Cholera-Armut“ in ein Deutschland geflohen, in dem ihre Abschlüsse nicht anerkannt und ihr gesellschaftlicher Status in der „Sozialwohnungs-Armut“ nach unten rutscht. </p>
<p>Der Sohn und Erzähler ist nicht bereit, das zu akzeptieren, hat aber kaum die Möglichkeiten, etwas zu ändern, weder ökonomisch noch emotional. Es bleiben demnach Wut und Kleinkriminalität, ein gerade so geschafftes Abitur und der unbedingte Wille es „denen“ zu zeigen. Zum Beispiel – im Gegensatz zu den meisten seiner Altersgenossen aus der Siedlung – durch weder tot sein noch in den Knast gehen, sondern Schriftsteller werden. Wie schon sein Debüt „Hund, Wolf, Schakal“ hat Behzad Karim Khani auch diesen Roman relativ nahe an seine eigenen (und definitiv ehemaligen) biografischen Details angelegt, aber keine Autofiktion geschrieben. Khanis sorgfältig gesetzten Worte, die lakonische Sprache von kristalliner Klarheit, bestätigt und widerspricht der oft selbst erniedrigend sarkastischen Unversöhnlichkeit seines Protagonisten zu ungefähr gleichen Anteilen. Es ist nicht wirklich trister Ruhrgebiets-Armuts-Realismus (aber schon auch irgendwie) und keine straßen-stressig-breitbeinige Gangster-Aufstiegs-Fantasie (aber doch auch ein klein wenig). Die Schönheit der Sprache und das Elend des dargestellten sind fein ausbalanciert. Dadurch bedient der Roman die Stereotypen der sogenannten „Migranten-Literatur“, unterläuft sie aber ebenso deutlich, beinahe zwangsweise. Was bleibt, ist die Literatur.</p>
</div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><h2 id="t-a-obreht-the-morningside-weidenfeld-nicolson-2024-">Téa Obreht – The Morningside (Weidenfeld &amp; Nicolson, 2024)</h2>
<p>Ist die Zivilisation erstmal ruiniert, kommen ganz ungeniert die alten Mythen wieder aus der Obskurität hervor und fordern ihren Tribut. In Téa Obrehts drittem Roman sogar ziemlich wörtlich. In einem postapokalyptisch pittoresk zerfallenden Luxushochhaus namens „The Morningside“, das auf einer Insel steht, die vielleicht einmal New York war, jetzt aber nur noch „The Island“ genannt wird, kommen zu der permanenten Bedrohung durch Hochwasser, Stürme und das absolutistisch regierende Amt für Umsiedlung und Populationskontrolle noch neue Manifestationen alte Mythen aus der bürgerkriegsversehrten alten Heimat. </p>
<p>Die wird nie beim Namen genannt. Ist aber offensichtlich irgendwo im Balkan, im zerfallenen Ex-Yugoslawien lokalisiert. Es kann aber ebenso die von einer Tante aus dem alten Land angefeuerte überbordende Fantasie der elfjährigen Erzählerin sein, die den seltsam zusammenhängenden Begebenheiten einen Rahmen gibt. Die Ungewissheit passt sehr gut zur Schreibweise Téa Obrehts, die mit ihrer spezifischen Neuerfindung des magischen Realismus vor zehn Jahren quasi über Nacht zum Literaturstar wurde. Im Ambiente des sowieso schon surreal bedrohlichen Luxusheims mit mürbe gewordenen stockfleckigen Marmorböden und goldenen Wasserhähnen, auf dessen Dach die zurückgekehrten Kraniche nisten, funktioniert die unterschwellig brodelnde Fantastik exzellent. So entwickelt „The Morningside“ als langsam abbrennender spekulativer Coming-of-Age Mystery-Thriller eine ähnlich halluzinatorische Entrücktheit wie etwa die jüngsten Romane von Jeff Vandermeer.</p>
</div></div></div></div></div></section>]]></content><author><name> </name></author><author><name> </name></author></entry><entry><published>2025-11-28T13:12:31.231Z</published><updated>2025-11-28T13:12:31.231Z</updated><link href="/internet/du-kannst-aber-gut-deutsch-mit-ki-gegen-vorurteile-der-macher-vom-instagram-erfolg-hakim-decoded-im-interview" rel="alternate"></link><id>/internet/du-kannst-aber-gut-deutsch-mit-ki-gegen-vorurteile-der-macher-vom-instagram-erfolg-hakim-decoded-im-interview</id><title>„Du kannst aber gut Deutsch!“ - Mit KI gegen Vorurteile: Der Macher vom Instagram-Erfolg „Hakim decoded“ im Interview</title><content type="html"><![CDATA[<img src="http://static.dasfilter.com/images/2025/11/25/hakim-decoded-banner-interview-mit-junger-frau-x.jpg" alt="Hakim Decoded Banner. Interview mit junger Frau"/><p>Mit kurzen KI-generierten Interview-Videos hält ein junger Mann uns allen den gesellschaftlichen Spiegel vor. Zwischen Klischees, Vorurteilen und Alltagsrassismus dekodiert „Hakim Decoded“, was wir insgeheim über Menschen denken, denen wir tagtäglich begegnen. Matti Hummelsiep hat mit dem Macher gesprochen.</p>
<section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p>19 Millionen Klicks in nur drei Monaten? Klingt nach Influencer. Als selbsternannter „CEO der alternativen Realität“ geht es diesem Creator aber nicht um Werbedeals, im Gegenteil. Fast schon genüsslich seziert der 31-jährige Dortmunder auf seinem Kanal „Hakim decoded“ eine menschliche Eigenschaft, die wir alle in uns tragen: Vorurteile. Als Deutscher mit Migrationshintergrund kennt sich Leon sehr gut damit aus, wie er im Interview erklärt. </p>
<p>Worüber sprechen wir? Hakim ist die wiederkehrende Figur in den KI-generierten Sketches: rote Jacke, Basecap, höflich, unauffällig. In vermeintlichen Straßenumfragen mit BIPoC, aber nicht nur, geht es um Grammatik, Immanuel Kant, deutsche Sprichwörter, Autofachwissen, oder den sächsischen Dialekt. Oft knacken die kurzen Clips die Schallmauer von einer Million Klicks. Sein erfolgreichstes Video? Der „Deutsch-Test in Duisburg-Marxloh“ mit fast vier Millionen Klicks, Stand Oktober 2025.</p>
</div></div></div></div><figure class="content-entity content-embed center"><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="embed-source"><blockquote class="instagram-media" data-instgrm-captioned data-instgrm-permalink="https://www.instagram.com/reel/DMUnPzeI6Wt/?utm_source=ig_embed&amp;utm_campaign=loading" data-instgrm-version="14" style=" background:#FFF; border:0; border-radius:3px; box-shadow:0 0 1px 0 rgba(0,0,0,0.5),0 1px 10px 0 rgba(0,0,0,0.15); margin: 1px; max-width:540px; min-width:326px; padding:0; width:99.375%; width:-webkit-calc(100% - 2px); width:calc(100% - 2px);"><div style="padding:16px;"> <a href="https://www.instagram.com/reel/DMUnPzeI6Wt/?utm_source=ig_embed&amp;utm_campaign=loading" style=" background:#FFFFFF; line-height:0; padding:0 0; text-align:center; text-decoration:none; width:100%;" target="_blank"> <div style=" display: flex; flex-direction: row; align-items: center;"> <div style="background-color: #F4F4F4; border-radius: 50%; flex-grow: 0; height: 40px; margin-right: 14px; width: 40px;"></div> <div style="display: flex; flex-direction: column; flex-grow: 1; justify-content: center;"> <div style=" background-color: #F4F4F4; border-radius: 4px; flex-grow: 0; height: 14px; margin-bottom: 6px; width: 100px;"></div> <div style=" background-color: #F4F4F4; border-radius: 4px; flex-grow: 0; height: 14px; width: 60px;"></div></div></div><div style="padding: 19% 0;"></div> <div style="display:block; height:50px; margin:0 auto 12px; width:50px;"><svg width="50px" height="50px" viewBox="0 0 60 60" version="1.1" xmlns="https://www.w3.org/2000/svg" xmlns:xlink="https://www.w3.org/1999/xlink"><g stroke="none" stroke-width="1" fill="none" fill-rule="evenodd"><g transform="translate(-511.000000, -20.000000)" fill="#000000"><g><path d="M556.869,30.41 C554.814,30.41 553.148,32.076 553.148,34.131 C553.148,36.186 554.814,37.852 556.869,37.852 C558.924,37.852 560.59,36.186 560.59,34.131 C560.59,32.076 558.924,30.41 556.869,30.41 M541,60.657 C535.114,60.657 530.342,55.887 530.342,50 C530.342,44.114 535.114,39.342 541,39.342 C546.887,39.342 551.658,44.114 551.658,50 C551.658,55.887 546.887,60.657 541,60.657 M541,33.886 C532.1,33.886 524.886,41.1 524.886,50 C524.886,58.899 532.1,66.113 541,66.113 C549.9,66.113 557.115,58.899 557.115,50 C557.115,41.1 549.9,33.886 541,33.886 M565.378,62.101 C565.244,65.022 564.756,66.606 564.346,67.663 C563.803,69.06 563.154,70.057 562.106,71.106 C561.058,72.155 560.06,72.803 558.662,73.347 C557.607,73.757 556.021,74.244 553.102,74.378 C549.944,74.521 548.997,74.552 541,74.552 C533.003,74.552 532.056,74.521 528.898,74.378 C525.979,74.244 524.393,73.757 523.338,73.347 C521.94,72.803 520.942,72.155 519.894,71.106 C518.846,70.057 518.197,69.06 517.654,67.663 C517.244,66.606 516.755,65.022 516.623,62.101 C516.479,58.943 516.448,57.996 516.448,50 C516.448,42.003 516.479,41.056 516.623,37.899 C516.755,34.978 517.244,33.391 517.654,32.338 C518.197,30.938 518.846,29.942 519.894,28.894 C520.942,27.846 521.94,27.196 523.338,26.654 C524.393,26.244 525.979,25.756 528.898,25.623 C532.057,25.479 533.004,25.448 541,25.448 C548.997,25.448 549.943,25.479 553.102,25.623 C556.021,25.756 557.607,26.244 558.662,26.654 C560.06,27.196 561.058,27.846 562.106,28.894 C563.154,29.942 563.803,30.938 564.346,32.338 C564.756,33.391 565.244,34.978 565.378,37.899 C565.522,41.056 565.552,42.003 565.552,50 C565.552,57.996 565.522,58.943 565.378,62.101 M570.82,37.631 C570.674,34.438 570.167,32.258 569.425,30.349 C568.659,28.377 567.633,26.702 565.965,25.035 C564.297,23.368 562.623,22.342 560.652,21.575 C558.743,20.834 556.562,20.326 553.369,20.18 C550.169,20.033 549.148,20 541,20 C532.853,20 531.831,20.033 528.631,20.18 C525.438,20.326 523.257,20.834 521.349,21.575 C519.376,22.342 517.703,23.368 516.035,25.035 C514.368,26.702 513.342,28.377 512.574,30.349 C511.834,32.258 511.326,34.438 511.181,37.631 C511.035,40.831 511,41.851 511,50 C511,58.147 511.035,59.17 511.181,62.369 C511.326,65.562 511.834,67.743 512.574,69.651 C513.342,71.625 514.368,73.296 516.035,74.965 C517.703,76.634 519.376,77.658 521.349,78.425 C523.257,79.167 525.438,79.673 528.631,79.82 C531.831,79.965 532.853,80.001 541,80.001 C549.148,80.001 550.169,79.965 553.369,79.82 C556.562,79.673 558.743,79.167 560.652,78.425 C562.623,77.658 564.297,76.634 565.965,74.965 C567.633,73.296 568.659,71.625 569.425,69.651 C570.167,67.743 570.674,65.562 570.82,62.369 C570.966,59.17 571,58.147 571,50 C571,41.851 570.966,40.831 570.82,37.631"></path></g></g></g></svg></div><div style="padding-top: 8px;"> <div style=" color:#3897f0; font-family:Arial,sans-serif; font-size:14px; font-style:normal; font-weight:550; line-height:18px;">Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an</div></div><div style="padding: 12.5% 0;"></div> <div style="display: flex; flex-direction: row; margin-bottom: 14px; align-items: center;"><div> <div style="background-color: #F4F4F4; border-radius: 50%; height: 12.5px; width: 12.5px; transform: translateX(0px) translateY(7px);"></div> <div style="background-color: #F4F4F4; height: 12.5px; transform: rotate(-45deg) translateX(3px) translateY(1px); width: 12.5px; flex-grow: 0; margin-right: 14px; margin-left: 2px;"></div> <div style="background-color: #F4F4F4; border-radius: 50%; height: 12.5px; width: 12.5px; transform: translateX(9px) translateY(-18px);"></div></div><div style="margin-left: 8px;"> <div style=" background-color: #F4F4F4; border-radius: 50%; flex-grow: 0; height: 20px; width: 20px;"></div> <div style=" width: 0; height: 0; border-top: 2px solid transparent; border-left: 6px solid #f4f4f4; 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margin-bottom:0; margin-top:8px; overflow:hidden; padding:8px 0 7px; text-align:center; text-overflow:ellipsis; white-space:nowrap;"><a href="https://www.instagram.com/reel/DMUnPzeI6Wt/?utm_source=ig_embed&amp;utm_campaign=loading" style=" color:#c9c8cd; font-family:Arial,sans-serif; font-size:14px; font-style:normal; font-weight:normal; line-height:17px; text-decoration:none;" target="_blank">Ein Beitrag geteilt von Hakim (@hakimdecoded)</a></p></div></blockquote>
<script async src="//www.instagram.com/embed.js"></script></div></div></div></figure><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p>Schneller als man denkt, wabern die eigenen Vorurteile durch den Kopf: Oder kann ein Obdachloser einen Doktortitel haben? Hat ein Bouncer Beauty-Tipps drauf? Die Clips sind gnadenlos überspitzt, teilweise urkomisch. Und doch kommen sie ohne moralischen Zeigefinger aus, vielmehr denkt man über sich selbst nach. Und das erklärt auch den riesigen Zuspruch, den Hakim, für den Leon viele halten, erhält.</p>
<p>Ein Interview über seine Erfahrungen mit Alltagsrassismus, die Botschaft hinter „Hakim decoded“ und das emotionale Feedback.</p>
<p><strong>Warum machst du die Sketche nicht in real?</strong><br>Zum einen bin ich nicht so die Rampensau. Durch KI kann ich in meinem Tempo produzieren und dabei immer dieselbe Bildsprache verwenden. Ich muss keine großen Teams zusammenstellen. Ich finde KI auch einfach spannend. Gerade wenn es darum geht, einen Kontrast zu dem zu bilden, wie KI sonst häufig benutzt wird. Ich möchte damit einen Gegenpol bilden.</p>
<p><strong>KI wird auf fragwürdige Weise benutzt. Erkläre mir das näher.</strong><br>Beispielsweise werden Narrative mit KI dargestellt, die oft dem rechten Bereich zugesprochen werden. Das hängt teilweise mit den Video- und Bildgeneratoren von KI zusammen. Wenn man nicht genau promptet, erzielt man immer ein gewisses Bild. Wenn ich beispielsweise eine glückliche deutsche Familie prompten würde, dann wird die nicht wirklich divers aussehen. Oder es werden Menschen unterschiedlicher Religionen generiert, die aber eher realitätsfern aussehen. Das wurde auch von bestimmten Konzernen und in den Medien kritisiert. Es wurde versucht, über die Trainingsdaten der KI-Generatoren das Ganze ein bisschen diversifizieren.</p>
<p><strong>Du hast erst im Juni 2025 die ersten Clips auf Instagram veröffentlicht und bis jetzt 19 Millionen Klicks generiert. Überrascht dich der Erfolg?</strong><br>Dass die Clips Reichweite erzielen, das habe ich mir gedacht. Ich habe mir ein Konzept überlegt. Da hat mir meine Social-Media-Erfahrung in die Karten gespielt. Ich glaube, die Videos sind erfolgreich, weil sich viele Leute darin wiederfinden und damit etwas anfangen können. Die Frage für mich war: Wie erzeuge ich mit Dialogen Viralität, ohne auf Kosten bestimmter Personen? Die Leute sind so begeisterungsfähig, es kommt viel positives Feedback. Es gibt aber auch Diskussionen. Die meisten davon sind auf einem Level, die nicht unterhalb der Gürtellinie liegen.</p>
<p><strong>Was schreiben dir die Leute?</strong><br>90 % der Nachrichten sind an Hakim adressiert: „Hey Hakim, super, was du machst.“ Ich löse das immer direkt auf, weil ich die Leute nicht in die Irre zu führen möchte. Es ist mir aber dennoch wichtig, dass die kreierte Person Hakim nahbar wirkt. Und das merke ich an den Nachrichten, die zum Teil wirklich emotional sind. Ich suche dann den Austausch. Ich möchte nicht der fremde Influencer sein, der sowieso nicht antwortet.</p>
</div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p><strong>Was meinst du mit emotional?</strong><br>Viele finden sich in den Stories wieder. Viele fühlen sich ertappt, okay, ich habe auch manchmal zu viele Vorurteile. Das ist der Effekt, der in den Videos steckt. Die Arbeit hat mir auch dabei geholfen, meine eigenen Denkmuster zu überdenken: tief verankerte Stereotype, die wir alle mit uns rumtragen. Niemand geht komplett vorurteilsfrei durchs Leben. Dazu werden wir auch durch mediale Darstellungen gebracht. Ganz viele Bildungsträger und Museen schreiben mir und wollen meine Videos in ihren Lehrveranstaltungen zeigen, oder mit mir zusammenarbeiten. Da freue ich mich sehr drüber! Es zeigt mir, dass es nicht nur beim Effekt der Videos bleibt, sondern dass sie nachhaltig im echten Leben Verwendung finden können. Es gibt einen YouTuber, der ein Video von mir eins zu eins in echt nachgestellt hat. Das fand ich super cool. Ich habe ihm direkt geschrieben. Es melden sich auch Personen, die ich in den Videos darstelle. Die sagen: „Es geht mir genauso wie dieser oder jener Person in deinem Video.“ Das trifft auch auf mich selbst zu. Du siehst ja jetzt im Videocall, dass ich keine rein deutschen Wurzeln habe. Ich sehe mich damit auch konfrontiert, dass die Erwartungshaltung eher ist, okay, da erwarte ich jetzt nicht die starke Rhetorik. Und dann heißt es meist: „Krass, Sie sprechen aber gut Deutsch.“</p>
<p><strong>Sozusagen die zwei Hauptgruppen an Reaktionen.</strong><br>Mit Sicherheit. Dahinter verbirgt sich viel Gesprächsbedarf. Manche fragen, warum ich das mache und was ich damit bewirken will. Mir geht’s nicht nur um eine Person mit Migrationshintergrund, sondern auch zum Beispiel um den Bauarbeiter. Ich möchte verschiedene Personengruppen darstellen, von denen bestimmte Dinge erwartet, oder eben nicht erwartet werden.</p>
<p><strong>Ist dir ein Kommentar besonders hängen geblieben?</strong><br>Eine Person hat mal geschrieben: „Ich kann den positiven Kommentaren nur zustimmen, ein Kunstwerk, das Klischees an den Kragen geht und mit einer ganz frischen, leichten Art meine Schubladen entstaubt.“ Das ist wirklich so bildlich.</p>
<p><strong>Wie bist du eigentlich auf die Idee gekommen?</strong><br>Ich wollte etwas machen, das einen gesellschaftlichen Mehrwert bietet. Da bot sich das Thema Vorurteile an. Diese Überflutung von Social Media mit viral gehenden Straßenumfragen, wo jede Möglichkeit genutzt wird, auf Kosten bestimmter Personengruppen Reichweite zu erzeugen – Ich finde das total schade, weil Straßenumfragen an sich eigentlich ein wichtiges journalistisches Tool sind, auch um aus der wirklichen Mitte der Gesellschaft ungefilterte Meinungen einzuholen. Zeig doch mal, wie unterschiedlich oder wie divers die Gesellschaft wirklich ist.</p>
<p><strong>Und die Figur Hakim?</strong><br>Mir war wichtig, dass das eine Person ist wie du und ich. Jemand, der nicht besonders auffällig ist, weder in seinem Verhalten noch in seinem Aussehen. Nicht besonders schön, trotzdem cool, aber eben auch nicht besonders. Ein ganz normaler Typ, der sich nicht in den Vordergrund drängt. Er soll nicht der Blickfang sein, sondern eher der Gesprächspartner oder die Gesprächspartnerin. Ich möchte mich mit der generierten Person auch selbst etwas ausdrücken. Der Name Hakim bedeutet auf Arabisch „der Gelehrte“, oder „der Weise“. Und der Name trägt „KI“ mit im Namen.</p>
</div></div></div></div><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p><strong>Wie kommst du auf die Geschichten? Die sind ja zum Teil sehr bildungsbürgerlich. Da gibt es Menschen, die das gar nicht verstehen, weil sie nicht so gut Deutsch können, oder? Auf der anderen Seite sind sie sehr tiefgründig und lustig.</strong><br>Das dachte ich anfangs auch, dass das gar nicht alle erreicht. Diese Leute schreiben mir dann aber, dass sie den Inhalt trotzdem verstehen. Es ist mir besonders wichtig, dass sich keiner übergangen fühlt. Und dass ich keinen moralischen Zeigefinger hebe. Es gibt einfach drei Fragen, drei Antworten – fertig. Alles andere spielt sich im Kopf der Zuschauenden ab.</p>
<p><strong>Hast du weitere Erkenntnisse gesammelt?</strong><br>Durch das Projekt ist mir aufgefallen, wie viele Vorurteile es wirklich gibt. Das sind kleine Details in Gesprächen, die man mithört. Da ich ja selbst Migrationshintergrund habe, kenne ich beide Seiten. Deutsche, die Vorurteile gegenüber Deutschen mit Migrationshintergrund haben. Andererseits Menschen in Brennpunkten mit Migrationshintergrund, die total über Deutsche ablästern. Das war für mich auch ein großes Thema in meiner Jugendzeit. Du bist in deiner Findungsphase und musst dich immer auch mit diesem Thema auseinandersetzen. Sätze wie „Du kannst aber gut Deutsch.“ sind dann traurigerweise auch noch nett gemeint. Junge Leute, die ständig auf ihren Migrationshintergrund reduziert werden, fühlen sich dann weniger zugehörig. Worte sind einfach sehr wichtig und das Wichtigste auf meinem Kanal. Mit meinem Projekt möchte ich Brücken schlagen, gerade auf Social Media, wo es viel Hetze gibt.</p>
</div></div></div></div></div></section>]]></content><author><name> </name></author></entry><entry><published>2025-11-21T12:16:54.821Z</published><updated>2025-11-21T12:16:54.821Z</updated><link href="/sounds/plattenkritik-dictaphone-unstable-denovali-lets-talk-about-sax" rel="alternate"></link><id>/sounds/plattenkritik-dictaphone-unstable-denovali-lets-talk-about-sax</id><title>Plattenkritik: Dictaphone – Unstable (Denovali) - Let's talk about sax</title><content type="html"><![CDATA[<img src="http://static.dasfilter.com/images/2025/11/21/dictaphone-x.jpg" alt="dictaphone"/><p>Aus der düsteren, labilen Grundstimmung erheben sich die Instrumente in Dictaphones neuem Album.</p>
<section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p>Es gibt Bands und Acts, die schleichen über die Jahre um mich herum wie eine Katze, nähern sich und zischen dann wieder ab, sind nicht so richtig greifbar für mich. Aber halt irgendwie schon da. Dictaphone gehören dazu. In seinen 25 Jahren Bestehenszeit hat es das belgisch-deutsche Trio auf, nicht sehr viel, aber immerhin, sechs Alben gebracht, Ende September erschien dieses: Unstable. Und wie schön es wieder geworden ist, tief melancholisch, doch ohne einen direkt in die herbstliche Depression zu schubsen, dafür ist es dann wieder zu elaboriert. Klarinette und Saxophon, gespielt von Roger Döring, und die Violine, gespielt von Alexander Stolze, werden in trägen Stücken zu geheimnisvollen Fabelwesen. Sie wagen sich aus dem dunklen Dickicht, ganz über den Weg zu trauen ist ihnen nicht, so wie sie einen an-klingen, fast wie in einer Erwachsenen-Variante von Prokofjews Peter und der Wolf. </p>
<p>Die düstere Grundstimmung wechselt sich ab mit geheimnisvollen, „orientalisch“ anmutenden Klängen – befreundete iranische Künstler aus der Berliner Diaspora trugen ihre Stimmen und Instrumentation zum Album bei. So der Schauspieler und Musiker Shahab Anousha die verhaltene Trompete im Schlusstrack „La Fin“. „Unstable“ wiederum, ein flirrendes Stück, versteht sich als Hommage an Ian Curtis, der von Helga Raimondi vorgetragene Sprechtext ist die Setlist des letzten Joy-Division-Auftritts. Irgendwo im Grenzgebiet zwischen Post Punk, Post-Rock, Indietronics und Minimal Jazz schlägt dieses Album sein Zelt auf. Ich bleibe noch ein bisschen da drin, und dann höre ich mir wieder mal die alten Platten an.</p>
</div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><figure class="content-entity content-embed center"><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="embed-source"><iframe height="450" width="100%" title="Media player" src="https://embed.music.apple.com/us/album/unstable/1838599060?itscg=30200&amp;itsct=music_box_player&amp;ls=1&amp;app=music&amp;mttnsubad=1838599060&amp;at=10lJRN&amp;theme=auto" id="embedPlayer" sandbox="allow-forms allow-popups allow-same-origin allow-scripts allow-top-navigation-by-user-activation" allow="autoplay *; encrypted-media *; clipboard-write" style="border: 0px; border-radius: 12px; width: 100%; height: 450px; max-width: 660px;"></iframe></div></div></div></figure></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><figure class="content-entity content-embed center"><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="embed-source"><iframe data-testid="embed-iframe" style="border-radius:12px" src="https://open.spotify.com/embed/album/1UDDPTSWvR4hGIMyWGYeWz?utm_source=generator&theme=0" width="660" height="352" frameBorder="0" allowfullscreen="" allow="autoplay; clipboard-write; encrypted-media; fullscreen; picture-in-picture" loading="lazy"></iframe></div></div></div></figure></div></section>]]></content><author><name> </name></author></entry><entry><published>2025-11-13T07:12:30.983Z</published><updated>2025-11-13T07:12:30.983Z</updated><link href="/sounds/plattenkritik-claire-m-singer-gleann-ciuin-touch-stille-taeler" rel="alternate"></link><id>/sounds/plattenkritik-claire-m-singer-gleann-ciuin-touch-stille-taeler</id><title>Plattenkritik: Claire M Singer – Gleann Ciùin (Touch) - Stille Täler</title><content type="html"><![CDATA[<img src="http://static.dasfilter.com/images/2025/11/12/plattenkritik-claire-m-singer-gleann-ciuin-banner-x.jpg" alt="Plattenkritik Claire M Singer Gleann Ciuin Banner"/><p>Die schottische Komponistin setzt ihre Orgel-Trilogie fort.</p>
<section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p>Noch vor wenigen Jahren hätte ich nicht gedacht, dass die Orgel als Instrument in meinem musikalischen Alltag eine relevante Rolle spielen würde. Doch ich lernte <a href="/kultur/die-orgel-ist-ein-radikales-instrument-interview-gamut-inc-die-kurator-innen-des-berliner-festivals-aggregate">gamut inc.</a> kennen und eine vollkommen neue Welt der automatisierten und MIDI-fizierten Kirchenorgeln. Was für ein Kosmos. Erst kürzlich war ich zu Gast bei der Biennale Musica in Venedig, wo unter anderem Maxime Denuc seine Installation „Elevations“ vor- und ausstellte – eine endlose Schleife fein austarierter Motive für eine MIDI-Orgel. Er selbst beschreibt das Werk als Hommage an den Dub-Techno im Allgemeinen und Vainqueur im Besonderen. Mindblowing.</p>
<p>Claire M Singer braucht für ihre Kompositionen keinen Laptop und keine MIDI-Schnittstelle. 2016 schrieb ich erstmals <a href="/sounds/wochenend-walkman-diesmal-mit-dj-shadow-claire-m-singer-und-rlyr">über ihre Musik</a>, Ende 2023 <a href="/sounds/plattenkritik-claire-m-singer-saor-touch-die-welt-retten">war es dann mit „Saor“ um mich geschehen</a>. Dieses Album markierte dem Beginn einer Album-Trilogie, die die Schottin nun mit „Gleann Ciùin“ fortsetzt. Wie das Album klingen würde, konnte man bereits im September in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche in Berlin erahnen, als sie Teile der Platte beim Aggregate-Festival aufführte. </p>
<p>Die neue Platte macht genau dort weiter, vor der Vorgänger aufgehört hat: Singer konzentriert sich auf wenige Motive, die über mehrere Kompositions-Teile – Stücke, Tracks – immer wieder aus leicht anderer Perspektive beleuchtet werden. Die Inspiration liefern lange Spaziergänge durch die schottischen Highlands, die die Komponistin dann an verschiedenen Orgeln in Musik gießt. Zum großen Teil in Schottland, für das Titelstück aber auch in London – an der Flentrop-Orgel (1967) in der Queen Elisabeth Hall am Southbank Centre. Neben Singer spielen auch Yann Ghiro, Patsy Reid und Andy Saunders: Streicher, Blech- und Holzblasinstrumente.</p>
</div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p>Nun ist es Jahrhunderte her, dass ich zuletzt in Schottland war. Die Highlands kenne ich nur von der falschen Seite des Zugfensters. Doch allein diese Eindrücke haben sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es wirklich ist, in Aberdeenshire auf Wanderung zu gehen, aus den Tälern – den glens, bzw. gleanns – über die sanften Hügel hinauf auf die Spitzen der Erhebungen. Vielleicht werde ich es irgendwann selbst erleben, bis dahin bleiben mir die Kompositionen von Claire M Singer als musikalisches Tagebuch. Die Weite, die eine Orgel in Kirchenschiffen und anderen Orten mit meterlangen Hallfahnen erzeugen kann, scheint mir die <em>agency</em> der schottischen Landschaft perfekt einzufangen. Vibrationen, Resonanzen: Alles klingt groß und mächtig und ist doch nah, klar und präsent. Es sind die vielleicht purpursten Drones, die die Musikgeschichte bislang gehört hat, die Singer hier aufgenommen hat. Kontrastiert und kontextualisiert mit den weiteren Instrumenten, die mit Weite und Nähe ganz anders spielen und das Album so noch einzigartiger machen. Das passt alles ins Bild, denn für Singer ist die Orgel vor allem Klangquelle und nicht das Instrument mit all seiner Historizität. So schließt sich auch der Kreis von Singer zur Szene derjenigen, die für die Orgel auf dem MacBook komponieren, weil nur das Digitale ihre Werke auf den Pfeifen überhaupt möglich macht.</p>
<p>„Gleann Ciùin“ ist rein und unverfälscht. Und führt damit den Gegenbeweis dessen, was in der zeitgenössischen Musik oft eingefordert wird: die Reibung, das Andersartige. Bei Singer entsteht die Reibung nicht in den Ohren, sondern erst im Herzen. Genau richtig.</p>
</div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><figure class="content-entity content-embed center"><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="embed-source"><iframe height="450" width="100%" title="Mediaplayer" src="https://embed.music.apple.com/de/album/gleann-ci%C3%B9in/1839004725?itscg=30200&amp;itsct=music_box_player&amp;ls=1&amp;app=music&amp;mttnsubad=1839004725&amp;at=10lJRN&amp;theme=auto" id="embedPlayer" sandbox="allow-forms allow-popups allow-same-origin allow-scripts allow-top-navigation-by-user-activation" allow="autoplay *; encrypted-media *; clipboard-write" style="border: 0px; border-radius: 12px; width: 100%; height: 450px; max-width: 660px;"></iframe></div></div></div></figure><figure class="content-entity content-embed center"><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="embed-source"><iframe data-testid="embed-iframe" style="border-radius:12px" src="https://open.spotify.com/embed/album/1kzpSZzYU0gZRj4P8ReInO?utm_source=generator" width="660" height="352" frameBorder="0" allowfullscreen="" allow="autoplay; clipboard-write; encrypted-media; fullscreen; picture-in-picture" loading="lazy"></iframe></div></div></div></figure></div></section>]]></content><author><name> </name></author></entry><entry><published>2025-11-09T09:20:27.511Z</published><updated>2025-11-09T09:20:27.511Z</updated><link href="/sounds/plattenkritik-kali-malone-drew-mcdowall-magnetism-ideologic-organ-sound-der-zum-leben-erweckt-wird" rel="alternate"></link><id>/sounds/plattenkritik-kali-malone-drew-mcdowall-magnetism-ideologic-organ-sound-der-zum-leben-erweckt-wird</id><title>Plattenkritik: Kali Malone &amp; Drew McDowall – Magnetism (Ideologic Organ) - Sound, der zum Leben erweckt wird</title><content type="html"><![CDATA[<img src="http://static.dasfilter.com/images/2025/11/9/kali-malone-drew-mcdowall-magnetism-2-x.jpg" alt="Kali Malone &amp; Drew McDowall – Magnetism 2"/><p>Auf großer Reise.</p>
<section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p>„Magnetism“ ist die erste gemeinsame LP von Kali Malone und Drew McDowall und sie entstand 2022 mehr oder weniger spontan in McDowalls Studio in Brooklyn. Zwei große Namen aus unterschiedlichen Generationen tun sich hier zusammen. Drew McDowall, der schon mit Coil und Psychic TV die Avantgarde des Industrial prägte, und die 33 Jahre jüngere <a href="/tags/kali-malone">Kali Malone</a>, die mit ihrer experimentellen und elektroakustischen Musik nicht nur die Orgel auf andere Ebenen brachte. Die Aufnahmen ruhten erst ein Jahr. Beide merkten, wie gut alles gereift ist und nahmen hier und da einige Veränderungen vor. Fast drei Jahre später ist nun „Magnetism“ erschienen und es ist wieder der Beweis, dass Eile nichts bringt, wenn etwas gut werden soll. Es zeigt, dass in Zeiten der KI-Musik-Slops und K-Pops so etwas wie „Magnetism“ ein Geschenk ist. Eines, auf dass man sich gar nicht so sehr einlassen muss, solange man die bewegenden Sounds zulässt. </p>
<p>Basis der Songs sind individuelle Stimmungen auf einem monophonen modularen Synthesizer-Patch. Overdubs wurden so gut wie keine gemacht. Trotz des vermeintlich Improvisatorischen und Volatilen, ist das Album aber standhaft, akribisch und zielgerichtet. Es ist eine Soundexkursion, ein spiritueller Drift, letztlich aber auch eine meisterhafte Lehrstunde, wozu elektronische Musik in der Lage sein kann. Dass Atmosphäre und Emotionen ohne Reflexion und Gehirn entstehen können, dass gerade die abstrakten Melodien und Harmonien von Kali Malone berühren, ohne formelhaft zu sein und inwiefern Intonation und Verzerrung oft reichen, imposante Gemälde zu schaffen, wenn man sie nur zu bedienen weiß. </p>
<p>Programmatisch sind dabei die auch die letzten beiden Titel „The Sound In My Mind“ und „A Sound That Is Alive“. Mäandernde, fast formlose Geschichten, die zeigen, was passiert, wenn aus einer Idee ein Sound wird und dann ein Eigenleben entwickelt, das die Größe der Schöpfer überstrahlt. Mich berührt dieses Album sehr. Es tröstet und spendet Hoffnung, es hat etwas undurchdringlich Magisches und steht plötzlich da wie der Obelisk in Kubricks „2001“ – so als wäre es schon immer da gewesen.</p>
</div></div></div></div></div></section><section class="content-section twoway"><div class="groups"><div class="group top"><figure class="content-entity content-embed center"><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="embed-source"><iframe style="border-radius:12px" src="https://open.spotify.com/embed/album/4fSMryZjOEfe8xXWU57RbC?utm_source=generator" width="300" height="380" frameBorder="0" allowfullscreen="" allow="autoplay; clipboard-write; encrypted-media; fullscreen; picture-in-picture"></iframe></div></div></div></figure></div><div class="group top"><figure class="content-entity content-embed center"><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="embed-source"><iframe height="450" width="100%" title="Mediaplayer" src="https://embed.music.apple.com/us/album/magnetism/1822852084?itscg=30200&amp;itsct=music_box_player&amp;ls=1&amp;app=music&amp;mttnsubad=1822852084&amp;theme=auto" id="embedPlayer" sandbox="allow-forms allow-popups allow-same-origin allow-scripts allow-top-navigation-by-user-activation" allow="autoplay *; encrypted-media *; clipboard-write" style="border: 0px; border-radius: 12px; width: 100%; height: 450px; max-width: 300px;"></iframe></div></div></div></figure></div></div></section>]]></content><author><name> </name></author></entry><entry><published>2025-11-05T07:12:25.035Z</published><updated>2025-11-05T07:12:25.035Z</updated><link href="/kultur/pageturner-november-2025-entscheidungen-literatur-von-jos-brunner-cynthia-fleury-und-alena-buyx" rel="alternate"></link><id>/kultur/pageturner-november-2025-entscheidungen-literatur-von-jos-brunner-cynthia-fleury-und-alena-buyx</id><title>Pageturner – November 2025: Entscheidungen - Literatur von José Brunner, Cynthia Fleury und Alena Buyx</title><content type="html"><![CDATA[<img src="http://static.dasfilter.com/images/2025/11/5/pageturner-november-2025-banner-x.jpg" alt="Pageturner November 2025 Banner"/><p>Egal ob in der Medizin, der Politik zwischen Krieg, Frieden und Verständigung oder der Akzeptanz von Abgründen im Persönlichen: Ohne Entscheidungen gibt es keine Veränderungen. Dass die nicht immer Besseres bringen, ist klar. Unverzichtbar sind sie dennoch. In seiner Kolumne stellt Frank Eckert drei Bücher vor, die sich mit Entscheidungen und den Konsequenzen auseinandersetzen.</p>
<section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><h2 id="jos-brunner-brutale-nachbarn-propyl-en-2025-">José Brunner – Brutale Nachbarn (Propyläen, 2025)</h2>
<p>Was tun? Wie nicht verzweifeln? Der in der Schweiz geborene israelische Historiker und Psychoanalytiker José Brunner sucht in „Brutale Nachbarn“ nach Wegen aus der Gewalt, aus der Brutalität und Unvereinbarkeit der Positionen im Israel-Palästina-Konflikt. Es gilt sich der Eskalationslogik des Nachbarschaftsstreits zu entziehen – die ungefähr schwierigste Aufgabe überhaupt, in einem der verfahrensten und sich immer noch verschärfenden Konflikt. Das Problem, das Brunner als Historiker möglichst nüchtern und als Psychologe mit aller nötigen Empathie betrachten möchte, liegt in der Überlagerung individueller und kollektiver Traumata, von denen es auf beiden Seiten schon viel zu lange viel zu viele gibt, mit dem politisch-ideologischen Kalkül der jeweiligen Machthaber. Wie lassen sich in dieser verzweifelten Lage „Inseln der Vernunft“ bauen, in denen Dialog möglich ist? </p>
<p>Ein Anfang wäre zum Beispiel die Anerkennung der aktuellen Lage, die Rücknahme prinzipiell unerfüllbarer Extremforderungen. Sich überhaupt erst einmal der psychologischen Dynamik des Lagerdenkens bewusst werden, der bedingungslosen Identifikation mit einer Seite, die Identität als Opfer infrage stellen, die – von den perfide konstruierten ideologischen Angeboten – nur zu leicht angenommen werden kann. Ein wichtiger Punkt ist hier, dass Empathie und Mitgefühl angesichts der Grausamkeit und Unversöhnlichkeit keine selbstlosen Akte mehr sind, keine erbaulich-mildtätige Caritas, sondern schlicht Selbsterhaltung, Pflege der psychologischen Gesundheit. Damit verbieten sich pauschale Aussagen quasi von selbst. Etwa Israel die Absicht eines Genozids zu unterstellen. Solche Positionen schließen jede Art von Kompromiss aus, was sie besonders bei nicht direkt vom Konflikt betroffenen Ideologen so beliebt macht. Angesichts solcher extremen Positionen noch Hoffnung zu haben, ist absurd, aber eben auch absolut notwendig, um Mensch zu bleiben. Der Historiker wie der Psychologe Brunner wissen, dass dies selten aus selbstreflektierter Einsicht passiert, sondern viel eher, wenn man als Individuum oder Gemeinschaft die Grenzen der je eigenen Macht zu spüren bekommt, das Gefühl, nicht mehr gewinnen zu können. Davon sind wir wohl noch einiges entfernt. Aber es sagt immerhin, dass der Konflikt nicht „ewig“ sein kann, nicht unendlich eskalieren kann.</p>
</div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><h2 id="cynthia-fleury-hier-liegt-bitterkeit-begraben-suhrkamp-2023-">Cynthia Fleury – Hier liegt Bitterkeit begraben (Suhrkamp, 2023)</h2>
<p>Nichts weniger als eine fundamentale Theorie des Ressentiments und was man dagegen tun kann versucht die französische Philosophin Cynthia Fleury in ihrem Großwerk über die Verbitterung. Diese Bitterkeit kennt Fleury – und das ist das besondere und auch ziemlich alleinstellende Merkmal ihres Buches – aus der psychotherapeutischen Praxis. Die Doppelberufung als philosophische Psychologin gibt ihrer Arbeit ein tiefe praktische Fundierung, die mehr an den spezifischen Problemen und ihren strukturellen psychischen Ursachen interessiert ist als an einer alles umfassenden Theorie. Letztere entsteht eher beiläufig. </p>
<p>In der Praxis begegnet ihr das Ressentiment meist in Form einer wortreichen Umgehung oder schlichten Weigerung der Patient:innen, sich einer Analyse und möglichen Therapie ihrer Probleme zu stellen. Denn es ist immer noch einfacher und komfortabler, an der Bitterkeit, Reue und der Wut auf die miesen Umstände und die fiesen anderen festzuhalten, also die Schuld im Außen zu suchen, als einen Ausweg einzuschlagen, der das je eigene Selbstbild und Selbstverständnis in Frage stellen könnte. Und genau dieses trotzige Festhalten am Kummer und am sich ärgern ist jenseits der klinischen Fälle allgemein verstanden exakt der Nährboden, auf dem das Ressentiment gedeiht und die toxischen Knospen von Faschismus, Rassismus, Antisemitismus und all den weiteren Ismen treibt. Nicht zuletzt weil das Festhalten an der Kränkung auch eine lustvolle Komponente hat, unterläuft das Ressentiment einfache Step-by-Step-Lösungen, wie sie Lebenshilfe-Ratgeber en masse anbieten, ziemlich leicht. </p>
<p>Die internalisierte Bitterkeit ist komplex. Der Knoten lässt sich nur durch harte Arbeit auflösen, durch Problembewusstsein und stetes Fordern, Sublimieren, zu einem Werk machen wie Adorno, Nietzsche oder Norbert Elias, zu Melancholie wie Montaigne, mit Rilke, das Offene wählen. Geheucheltes Verständnis für boshafte Dummheiten – die Leute „mitnehmen“ – ist Fleurys Sache definitiv nicht. Klare Kante und Fordern bis zur Überforderung schon eher. Was übrigens auch für den immens dichten, assoziationsreichen und hyperkomplexen Text selbst gilt. Niemals vereinfachen, Bullshit niemals durchgehen lassen, beharren gerade dann, wenn es eigentlich schon zu viel wird.</p>
</div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><h2 id="alena-buyx-leben-sterben-s-fischer-2025-">Alena Buyx – Leben &amp; Sterben (S. Fischer, 2025)</h2>
<p>Als Medizinethikerin an der TU München, als medienpräsente Expertin und ehemaliger Teil des deutschen Ethikrats ist Alena Buyx durchaus prominent, weit (oder sogar: vor allem) über akademische Kreise hinaus. Eine niederschwellige Einführung in die Praxis der Medizinethik gerade von Buyx war daher naheliegend und ist bis auf einige stilistische Eigenheiten, die mir die Lektüre etwas verleideten (z.B. permanente direkte Ansprache), durchaus gelungen und hilfreich. Es geht wie der Titel subtil andeutet um die ganz großen Fragen von der Geburt zum Sterbebett, die Buyx anhand von konkreten Fällen aufrollt und en passant die Prinzipien-Ethik und ihre Entscheidungsprozesse vorstellt. Ohne explizite Theoriebezüge – dafür verweist Buyx oft, wirklich sehr oft, auf den Anhang mit der weiterführenden Literatur. </p>
<p>Es geht von der Präimplantationsdiagnostik zur Palliativmedizin. Besonderes Augenmerk richtet Buyx auf die zunehmende Technisierung der Lebenswissenschaften, die zunehmend zu einer Abstraktion von Leben und Sterben und zur Automatisierung und Anonymisierung ärztlicher Entscheidungen führt. Dem entgegen beharrt Buyx darauf, dass Ethik immer konkrete Antworten auf konkrete Fragen findet, die in einer Konversation, einer sorgfältig abwiegenden kommunikativen Prozedur beruht. Diese sollte sich entlang der vier Grundprinzipien Selbstbestimmung, Nichtschaden, Fürsorge und Gerechtigkeit bewegen. Meist genügt da schon ein schmaler Katalog relativ simpler (aber nicht immer einfacher) Fragen. Klar ist jedenfalls, dass es keine allgemeine und ewige Wahrheit gibt, sondern nur um immer neue und immer spezifische Abwägung und Aushandlung im Spannungsfeld von Gesetzen, Regeln, Randbedingungen und Wünschen (von Patient:in, Angehörigen, Ärzt:innen, Krankenkasse und vielen Akteuren mehr). Und falls Sie, zu Hause vor den Bildschirmen, noch keine Vorsorgevollmacht und/oder Patientenverfügung haben, sollten Sie sich schleunigst darum kümmern.</p>
</div></div></div></div></div></section>]]></content><author><name> </name></author><author><name> </name></author></entry><entry><published>2025-11-02T09:28:38.898Z</published><updated>2025-11-02T09:28:38.898Z</updated><link href="/sounds/plattenkritik-a-new-line-related-crewe-away-ep-sound-in-silence-dub-be-good-to-me" rel="alternate"></link><id>/sounds/plattenkritik-a-new-line-related-crewe-away-ep-sound-in-silence-dub-be-good-to-me</id><title>Plattenkritik: A New Line (Related) – Crewe Away EP (Sound In Silence) - Dub be good to me</title><content type="html"><![CDATA[<img src="http://static.dasfilter.com/images/2025/11/2/a-new-line-x.jpg" alt="a new line"/><p>Endlos erscheinende Tracks, und doch eine gefühlt viel zu kurze EP: ein neues Solowerk von Hood-Mitglied Andrew Johnson.</p>
<section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p>Ich weiß nicht, wie viele Zugfahrten ich mit der Musik von A New Line (Related) aka Andrew Johnson bereits durchstanden habe. Die gehörte Stundenzahl dürfte nur knapp hinter Deepchord liegen. Die Soundspuren, die scheinbar endlos weiterlaufen, bald leicht nähern und bald wieder entfernen, dazu der Blick aus dem fahrenden Zug auf das leere Nebengleis, das sich ganz ähnlich verhält, die mitunter für Struktur sorgende Bassdrum aus weiter Ferne: Mich fasziniert und berührt dieses Meditative und Soghafte aus verhallten Tönen, Stimmen und Rhythmen, gleichzeitig überfordert es nicht, entspannt, macht mich sogar produktiv, Alphawellen-Musik. Ob „A Quarterly Update On The Sadness“ aus dem letzten Jahr, „<a href="http://www.dasfilter.com/sounds/apifera-four-tet-a-new-line-related-wochenend-walkman-22-januar-2021">Love In A Unitary Authority</a>“ aus 2021, „<a href="http://www.dasfilter.com/sounds/wochenend-walkman-diesmal-mit-a-new-line-related-cro-und-cs-kreme-yu-su">Reverie(s)</a>“ aus 2017 oder das Debütalbum dieses Projekts aus 2014 – ist mein Ding, im „beatigen“ wie im „ambientigen“ Modus. Schön, dass Johnson nun eine EP nachgelegt hat. Die wurde wohl für eine Abschiedsparty produziert bzw. adaptiert, nämlich für seinen ehemaligen Hood-Bandkollegen John Clyde Evans. Vier Tracks, jeder ein akustischer Deepdive auf seine eigene Weise. Rauschend und rauschhaft, hallig klickend, leichte Schwindel erzeugend – und dann Dub Techno in all seiner Eleganz beim Closer „Lytham and sound“. Eingeschoben als Zwischengang vor einem neuen Album? Das hoffe ich doch sehr. Es kommen noch viele Zugfahrten.</p>
</div></div></div></div></div></section><section class="content-section threeway"><div class="groups"><div class="group top"></div><div class="group top"><figure class="content-entity content-embed center"><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="embed-source"><iframe style="border: 0; width: 400px; height: 520px;" src="https://bandcamp.com/EmbeddedPlayer/album=3461564408/size=large/bgcol=ffffff/linkcol=0687f5/tracklist=false/transparent=true/" seamless><a href="https://soundinsilencerecords.bandcamp.com/album/crewe-away-ep">Crewe Away EP von A New Line (Related)</a></iframe></div></div></div></figure></div><div class="group top"></div></div></section>]]></content><author><name> </name></author></entry><entry><published>2025-10-24T06:57:19.870Z</published><updated>2025-10-24T06:57:19.870Z</updated><link href="/sounds/plattenkritik-nala-sinephro-the-smashing-machine-warp-chaos-ordnung-stille" rel="alternate"></link><id>/sounds/plattenkritik-nala-sinephro-the-smashing-machine-warp-chaos-ordnung-stille</id><title>Plattenkritik: Nala Sinephro – The Smashing Machine (Warp) - Chaos. Ordnung. Stille.</title><content type="html"><![CDATA[<img src="http://static.dasfilter.com/images/2025/10/20/plattenkritik-nala-sinephro-the-smashing-machine-banner-x.jpg" alt="Plattenkritik Nala Sinephro The Smashing Machine Banner"/><p>Die bisherigen Alben der Harfinistin und Multi-Instrumentalistin auf Warp waren dringliche Werke der Stille. „The Smashing Machine“ ist ihr erster Soundtrack. Der Film erzählt die Geschichte des Mixed-Martial-Arts-Kämpfers Mark Kerr. Der Musik tut das keinen Abbruch, im Gegenteil.</p>
<section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p>Soundtracks sind immer dann gut, wenn sie auch ohne Bewegtbild Sinn ergeben. Ich habe das schon oft geschrieben, die Prämisse gilt nach wie vor. Das Grummeln und Grollen, der Kitsch, das effektheischende Underscoring – das muss schon unfassbar kicken, damit es auch unter dem Kopfhörer funktioniert. Oder man macht es wie Nala Sinephro, die eben nicht wie die „Profis“ für die Leinwand komponiert, sondern sich ihre ganz eigene Sprach bewahrt und das Ergebnis erst dann passend macht für den Screen. Ich habe den Film über den Martial-Arts-Kämpfer Mark Kerr nicht gesehen. Ich habe auch nicht vor, ihn mir anzuschauen, mich interessieren Kampfsport und die Geschichten der Wrestler:innen beim besten Willen überhaupt nicht. Interessant ist aber, wie sich eine Künstler:in, die in ihrer Musik das Sanfte und oftmals auch Stille zelebriert, sich diesem Thema nähert.</p>
</div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p>Sinephros Musik bedeutet mir <a href="/tags/nala-sinephro">viel</a>. Der ganz eigene Kosmos aus Instrumenten, Arrangements und Stimmungen kickte wunderbar mit einem Soft Pedal der Extraklasse. Dass sie auf Warp veröffentlicht, ist so merkwürdig wie folgerichtig. Den Schwenk nach Hollywood meistert die junge Komponistin selbstbewusst und resilient. Der Film ist bestimmt nicht besser, als ich ihn mir vorstelle – wahrscheinlich noch viel schlimmer. Aber immerhin ist es Warp gelungen, Sinephros Musik als Album zu veröffentlichen, ohne die Shit-Songs, die Cues für die Popcorner:innen, berücksichtigen zu müssen.</p>
</div></div></div></div><figure class="content-entity content-embed video"><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="embed-source"><iframe width="560" height="315" src="https://www.youtube.com/embed/aRpnP3LZ99g?si=kl1CoDcdmk2A_5Er" title="YouTube video player" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" allowfullscreen></iframe></div></div></div></figure></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p>Natürlich ist der Titeltrack kraftvoll, wild und genau richtig unübersichtlich. Morgan Simpson spielt das Schlagzeug, als gäbe es kein Morgen in diesem luftdicht verpackten Aufnahmestudio, transformiert die Bewegungen des Kampfrings in wattierte Improv-Deepness. Danach scheint sein Job erledigt. Denn der Rest des Soundtracks klingt einfach wie eine neue Platte von Sinephro, die sich gar nicht dafür zu interessieren scheint, was auf der Leinwand tatsächlich stattfindet, sondern eher für das – viel besser – was nicht geschieht. Oder eben also so kontrastiert und abstrahiert, dass es eh egal ist. Gemeinsam mit den Musiker:innen James Mollison (Saxophon), Nubya Garcia (Saxophon, Flöte), Sheila Maurice-Grey (Flügelhorn) und Lyle Barton (Rhodes, Synthesizer), Mark Mollison (Gitarre), Dwayne Kilvington (Synth-Bass) und den Streicher:innen von Orchestrate stellt Sinephro mit „The Smashing Machine“ ein nicht nur kohärentes, sondern in der Fläche beeindruckendes Werk zur Disposition, das die Einzigartigkeit ihres kompositorischen Ansatzes unterstreicht. Man mag dafür nicht immer in der passenden Stimmung sein, aber das gilt für jede Art von Musik. Sinephro beherrscht das minimale Glitzern, weiß um das Miteinander von der Kombination aus spielerischer Freiheit und situativer Dringlichkeit. Und hat dabei immer einen Subbass im Ärmel, der die Gefühlswelt noch weiter durcheinanderbringt. In aller Stille. Trotz Chaos.</p>
</div></div></div></div><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"></div><div class="caption-outer"><div class="caption-inner"><div><p>Nala Sinephro spielt am 28. Oktober im Kammermusiksaal Berlin. <a href="https://www.ticketmaster.de/event/1712006761">Tickets</a></p>
</div></div></div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><figure class="content-entity content-embed center"><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="embed-source"><iframe height="450" width="100%" title="Mediaplayer" src="https://embed.music.apple.com/de/album/the-smashing-machine-original-motion-picture-soundtrack/1839191994?itscg=30200&amp;itsct=music_box_player&amp;ls=1&amp;app=music&amp;mttnsubad=1839191994&amp;at=10lJRN&amp;theme=auto" id="embedPlayer" sandbox="allow-forms allow-popups allow-same-origin allow-scripts allow-top-navigation-by-user-activation" allow="autoplay *; encrypted-media *; clipboard-write" style="border: 0px; border-radius: 12px; width: 100%; height: 450px; max-width: 660px;"></iframe></div></div></div></figure><figure class="content-entity content-embed center"><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="embed-source"><iframe data-testid="embed-iframe" style="border-radius:12px" src="https://open.spotify.com/embed/album/3LPmqGCKhFHS5Fw8WyaKY8?utm_source=generator" width="100%" height="352" frameBorder="0" allowfullscreen="" allow="autoplay; clipboard-write; encrypted-media; fullscreen; picture-in-picture" loading="lazy"></iframe></div></div></div></figure></div></section>]]></content><author><name> </name></author></entry><entry><published>2025-10-17T11:30:27.208Z</published><updated>2025-10-17T11:30:27.208Z</updated><link href="/sounds/plattenkritik-efdemin-poly-ostgut-ton-eleganz-und-tanz" rel="alternate"></link><id>/sounds/plattenkritik-efdemin-poly-ostgut-ton-eleganz-und-tanz</id><title>Plattenkritik: Efdemin – Poly (Ostgut Ton) - Eleganz und Tanz</title><content type="html"><![CDATA[<img src="http://static.dasfilter.com/images/2025/10/17/efdemin-x.jpg" alt="efdemin"/><p>Mit seinem ersten Album nach sechs Jahren nimmt uns Phillip Sollmann mit in eine fein verhallte Clubnacht, irgendwo zwischen Peaktime und leicht drüber. Eine wunderbar souveräne Platte.</p>
<section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p>Gegenwärtigem Clubsound fehlt es oft an Eleganz. Oder besser, eingeschränkt gesagt: Mir fehlt sie. Zu schnell, zu hart, zu stulle. Ich verstehe schon, woher das kommt, und ich kann der Haltung grundsätzlich auch etwas abgewinnen. Mich holt es nur einfach überhaupt nicht ab. Ganz anders dieses Album: Efdemin hat soeben sein erstes nach sechs Jahren Pause herausgebracht und boy, hier geht es ab – „Poly“ ist ein schnittiger, perfekter Mix aus Geradeheraus und Tiefe, aus Fokus auf das Wesentliche und Abschweifen ins Verträumt-Verspielte. Wenngleich jedes Stück für sich steht in Struktur, Rhythmik und Melodik, so zieht Sollmann doch einen roten Faden durch das Werk, gibt den Stücken von „Drift“ bis „Below The Surface“ einen gemeinsamen Nenner. Wenn sich bei „Radical Hope“ eine blubbernde 303 mit fast kitschigen Chords abwechseln und dazu Bässe und Snares hämmern wie in alten Jeff-Mills-Platten, dann ist die Welt für einen Moment wirklich mehr als okay. Oder wenn sich bei subtileren Tracks wie „Signal to Noise“ oder „Lost Somewhere In The Day“ langsam und bedacht eine feine Dramaturgie aufbaut, während er mit „Trophic Cascade“ seine persönliche, gefühlvolle Interpretation von Dub-Techno darbietet und beim Closer „Below The Surface“ Plastikman auf dem New-Age-Floor spielen lässt. Sinnlichkeit und Sorgfalt, Präzision ohne Prätention – für mich ist „Poly“ eine starke, schöne Platte. Pretty much what I need right now.   </p>
<p>Übrigens: Ab sofort bis zum 25. Januar ist „Modular Organ“ von Phillip Sollmann und  Konrad Sprenger – <a href="/sounds/wider-die-dj-diktatur-wie-efdemin-techno-an-den-grenzen-aufbricht">wir berichteten über das Projekt</a> in Düsseldorf zu erleben. Anlässlich des 20. Jubiläums des Düsseldorfer Orgelfestivals wird eine ehemalige Glaserei zum Resonanzraum. <a href="https://www.philara.de/de/programm">Mehr Infos hier</a>.</p>
</div></div></div></div></div></section><section class="content-section twoway"><div class="groups"><div class="group top"><figure class="content-entity content-embed center"><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="embed-source"><iframe height="450" width="100%" title="Media player" src="https://embed.music.apple.com/us/album/poly/1840137950?itscg=30200&amp;itsct=music_box_player&amp;ls=1&amp;app=music&amp;mttnsubad=1840137950&amp;at=10lJRN&amp;theme=auto" id="embedPlayer" sandbox="allow-forms allow-popups allow-same-origin allow-scripts allow-top-navigation-by-user-activation" allow="autoplay *; encrypted-media *; clipboard-write" style="border: 0px; border-radius: 12px; width: 100%; height: 450px; max-width: 380px;"></iframe></div></div></div></figure></div><div class="group top"><figure class="content-entity content-embed default"><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="embed-source"><iframe data-testid="embed-iframe" style="border-radius:12px" src="https://open.spotify.com/embed/album/0l7zF0wmKvo2smjzhOBzHh?utm_source=generator" width="380" height="450" frameBorder="0" allowfullscreen="" allow="autoplay; clipboard-write; encrypted-media; fullscreen; picture-in-picture" loading="lazy"></iframe></div></div></div></figure></div></div></section>]]></content><author><name> </name></author></entry><entry><published>2025-10-10T09:39:20.330Z</published><updated>2025-10-10T09:39:20.330Z</updated><link href="/technik-wissen/review-apple-airpods-pro-3-mehr-als-nur-neue-inears" rel="alternate"></link><id>/technik-wissen/review-apple-airpods-pro-3-mehr-als-nur-neue-inears</id><title>Review: Apple AirPods Pro 3 - Mehr als nur neue InEars</title><content type="html"><![CDATA[<img src="http://static.dasfilter.com/images/2025/10/10/apple-airpods-3-banner-x.jpg" alt="Apple AirPods 3 Banner"/><p>Die Apple AirPods Pro der dritten Generation versprechen viel: mehr Tragekomfort, noch besseren Klang und Noise Cancelling, erstmals Herzfrequenzmessung sowie längere Batterielaufzeit. Geht das alles? Thaddeus Herrmann hat die neuen InEars ausprobiert.</p>
<section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p>Die AirPods und AirPods Pro sind eine Erfolgsgeschichte. Realitätsabgleich: Woran denkt man bei Apple? An das <a href="/tags/iphone">iPhone</a> (natürlich), an den Mac (hoffentlich), danach aber ziemlich bald an die InEars. Vor neun Jahren kam das erste Modell <a href="/technik-wissen/review-apple-airpods-popelige-noepsis-als-technikwunder">auf den Markt</a>. Seitdem ist viel passiert. Generelle Weiterentwicklung, Diversifizierung des Angebots – mit Noise Cancelling <a href="/technik-wissen/review-apple-airpods-pro-enjoy-the-silence">(Version 1)</a>, <a href="/technik-wissen/review-apple-airpods-pro-2-generation-silence-is-golden">Version 2</a>, auch ohne <a href="/technik-wissen/review-apple-airpods-4-mit-aktiver-geraeuschunterdrueckung-schotten-dicht">das Pro-Suffix</a>. Nun wird die dritte Generation der Pro-Version ausgeliefert. Die verspricht – natürlich – wieder einiges, vor allem besseren Klang und besseres Noise Cancelling. Dazu kommt mit der Herzfrequenzmessung erstmals ein integriertes Fitness-Feature. Und wenn wir schon bei der „Gesundheit“ sind: Die Verwendung als Hörhilfe soll auch runderneuert worden sein und soll Menschen, die darauf angewiesen sind, das Leben erleichtern. Das Versprechen einer längeren Batterielaufzeit und verbessertes Tracking des Lade-Case gehören da schon zum guten Ton. Schauen wir mal.</p>
<p>Seit ein paar Monaten bin ich nicht mehr so recht zufrieden mit den AirPods Pro der zweiten Generation. Die habe ich nun wirklich seit <em>Day One</em> praktisch immer dabei und die meiste Zeit davon auch in den Ohren. Terrible, I know. Aber itiswhatitis. Seit einiger Zeit bin ich mit dem Klang nicht mehr glücklich. Musik klingt dünn, Podcasts sind bei lauteren Umgebungsgeräuschen auch bei aktiviertem ANC schlecht verständlich. Der Sound kippt. Zudem gab es ein paar Beinahe-Unfälle, bei denen mir die InEars einfach aus den Ohren gefallen sind – zum Beispiel, wenn ich mich bückte, um etwas aufzuheben, oder – <em>ja</em> – in Klo-Nähe. Ich schob das zunächst auf die Silikon-Aufsätze. Vielleicht waren sie ja nach umfangreicher Nutzung einfach ausgeleiert. Aber auch der Austausch gegen neue aus dem Apple Store brachten keine Verbesserung. Andere Größen halfen auch nicht. Vielleicht haben sich ja meine Ohren unwiderruflich verformt, und ich gehöre von nun an zu denen, für die die AirPods Pro einfach nicht passen.</p>
<p>Da ist es doch begrüßenswert, dass man bei Apple für die dritte Generation so einiges geändert bzw. weiterentwickelt hat. Beim genauen Hinsehen fällt auf, dass die Form der neuen InEars tatsächlich leicht anders ist – irgendwie „knubbliger“. Das Unternehmen begründet das mit der verbesserten Audio-Performance: Ein neuer Treiber soll für besseren Klang sorgen. Dieser wird unterstützt durch ein ausgefeilteres System für den Luftstrom mit größeren und leicht versetzen Öffnungen im Gehäuse. Und die Silikon-Aufsätze sind ebenfalls neu, sollen dank Schaumstoff-Verstärkung noch besser sitzen, besser abschirmen und den Klang zielgerichteter in Richtung Trommelfell schicken. Apple arbeitet schon seit längerer Zeit mit der sogenannten Adaptive-EQ-Technik, die den Sound je nach Umgebungsgeräuschen anpasst, um so in jeder Situation die bestmögliche Wiedergabe zu ermöglichen. Auch dieser Algorithmus wurde für die AirPods Pro 3 überarbeitet.</p>
</div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p>Bei den AirPods Pro gilt schon seit langem: Es ist komplizierter als Geräuschunterdrückung an oder aus. Mithilfe von Software-Updates wurden die Möglichkeiten zur Klangformung immer komplexer bzw. facettenreicher. Da ist der Transparenz-Modus, der den Alltag „durchlässt“ und einen nicht vollständig von der Außenwelt entkoppelt. Da ist Adaptives Audio, ein Modus, in dem das Verhältnis von Geräuschunterdrückung und Transparenz immer wieder anhand der Umgebungsgeräusche neu angepasst wird. Und da ist Konversationserkennung, die die Medienwiedergabe in Gesprächssituationen automatisch runter regelt. Gar nicht so einfach, den Überblick zu behalten. Aber hat man die für sich am besten passenden Einstellungen gefunden, präsentieren sich die AirPods Pro 3 als ziemliches Powerhouse.</p>
<h2 id="size-matters">Size matters</h2>
<p>Die Pro 3 werden erstmals mit einer zusätzlichen Größe der Silikon-Aufsätze in XXS geliefert. So hat man nun zwischen fünf verschiedenen Größen die Qual der Wahl. Ausprobieren – auch mit unterschiedlichen Größen in beiden Ohren – ist hier nach wie vor unbedingt empfohlen, um die richtige Passform zu finden. Apple selbst empfiehlt ob des neuen Designs der Aufsätze die nächst kleinere Größe zu versuchen, um einen Eindruck zu bekommen. Bei mir ist es tatsächlich nach wie vor Größe M, die am besten passt. Die App auf dem iPhone hilft bei der Entscheidung, verlassen sollte man sich jedoch nach wie vor auf den eigenen Eindruck. Also dann. Einsetzen und Play drücken.</p>
</div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><h2 id="klang">Klang</h2>
</div></div></div></div><div class="content-entity content-text inside-left "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><blockquote>
<p>Der Sound der AirPods Pro 3 ist rund, zupackend und harmonisch.</p>
</blockquote>
</div></div></div></div><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p>Zunächst darf ich berichten, dass mir die neuen Silikon-Aufsätze sehr gut gefallen. Stand jetzt. Es bleibt abzuwarten, ob auch sie sich nach ein paar Monaten der Nutzung verändern und plötzlich oder schleichend nicht mehr so gut sitzen. Für den Moment fühle ich mich aber an 2022 erinnert. Damals sprach ich in meinem Text zur zweiten Generation der AirPods Pro von <em>next-Level-Abschirmung</em>. Ein Gefühl, das nun wieder eintritt. Apple gibt an, dass die Geräuschunterdrückung der 3er im Vergleich zu den 2ern doppelt so gut sei. Das mag sein. Nachprüfen kann ich das nicht. Einen Unterschied höre ich aber allemal. Über den eigentlichen Klang zerreißt sich das Internet seit ein paar Wochen. Zu viel Bass ist der häufigste „Vorwurf“. Der alte Beats-Vergleich. Ehrlich gesagt kann ich das nicht nachvollziehen. Die gesamte Sound-Signature der AirPods Pro 3 wurde überarbeitet. Bei Tracks, die ich wirklich gut kenne, habe ich dazu einige Erkenntnisse gesammelt. Die Sound Stage ist weiter und bildet mehr Details ab. Das spricht für den neuen Treiber und das überarbeitete Akustik-Design. Der Bass hat mehr Punch, ist aber nicht übertrieben bzw. zu sehr betont. Gutes <em>throbbing</em> hat noch nie geschadet – wenn es denn halt gut ist, sich einfügt in das gesamte Klangbild, nicht zerrt, andere Frequenzen dominant ausblendet. Der Sound der AirPods Pro 3 ist rund, zupackend und harmonisch. Eigentlich komplett irre, dass das mittlerweile in dieser miniaturisierten Version von Kopfhörern möglich ist. Andere Hersteller sind hier bestimmt auf Augenhöhe, gerade Urgesteine wie Sony. Mit fehlt nur der direkte Vergleich. Was sich Apple aber anhören <em>muss</em>, ist die Tatsache, dass keinerlei Möglichkeiten angeboten werden, den EQ abseits von Apple Music einzustellen. Das ist nicht zeitgemäß und eine Art der Verweigerungshaltung, die schon seit Jahren nicht mehr abbildbar ist.</p>
<h2 id="fitness">Fitness</h2>
<p>Die AirPods Pro 3 verfügen erstmals über einen Sensor, der auf das Fitness- und Workout-Ökosystem von Apple einzahlt: einen Herzfrequenzmesser, über den auch Trainings und der Kalorienverbrauch erfasst werden. Die Idee dahinter ist klar: Wer im Apple-Ökosystem unterwegs ist, hat vielleicht nicht immer eine Apple Watch oder ein iPhone dabei, wenn es aufs Ganze geht in Sachen Fitness. Der Sensor der AirPods soll hier unterstützen, Daten sammeln und speichern. Wirklich standalone habe ich das nicht ausprobiert. Wer bei Trainings seine Apple Watch trägt, hat fortan zwei Datenquellen zur Verfügung, die – so Apple – parallel gemessen, miteinander verglichen und dann in einem einheitlichen Ergebnis gespeichert werden. Und ohne Apple Watch – also <em>nur</em> mit iPhone und den AirPods Pro 3, speist der Sensor die relevanten Daten ein. Gut, dass das funktioniert, denn das Feature ist nicht neu bzw. keine neue Erfindung. Bei Apples „anderer“ Kopfhörermarke Beats gab es einen ähnlichen Sensor schon vor geraumer Zeit – bei den Powerbeats Pro 2. Nur leider lassen sich die gesammelten Daten dort nicht in Apple Health importieren – <em>warum auch immer</em>. Für mich ist die Integration dieses Sensors kein wirkliches Alleinstellungsmerkmal, aber nun gut. Es ist halt da.</p>
<h2 id="h-rhilfe">Hörhilfe</h2>
<p>Natürlich sollen das neue Design und die bessere Abschirmung auch denjenigen helfen, die einfach nicht (mehr) gut hören. Dank der neuen Silikon-Aufsätze ist mit den AirPods Pro 3 nun ein Hörtest möglich, der wissenschaftlich bestätigt ist. In Gesprächssituationen in lauten Umgebungen helfen die Mikrofone der InEars zudem, die Stimme des Gegenübers zu identifizieren und zu verstärken. Von dieser Hörgerätfunktion dürften viele profitieren, auch und gerade die, die gerade erst merken, dass das Hörvermögen abnimmt. Langjährige Raver:innen wissen, wovon ich spreche. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem man in der Kneipe merkt, dass es nicht mehr ganz einfach ist, einer Unterhaltung zu folgen. Die Idee, sich mit den AirPods Pro an den Tisch zu setzen, ist vielleicht nicht sonderlich attraktiv und ein bisschen <em>socially awkward</em>, aber wenn es hilft, dann ist es eben so. Auch gut: Die Batterielaufzeit im Transparenzmodus mit aktivierter Hörgerätfunktion ist bei den AirPods Pro 3 deutlich gestiegen und liegt nun laut Apple bei zehn Stunden – ein Zuwachs von vier Stunden. Um all dies nutzen zu können, muss allerdings zunächst der Hörtest gemacht werden – direkt auf dem iPhone. Der dauert eine Weile und setzt tatsächlich eine sehr stille Umgebung voraus. Ich habe mehrere Anläufe benötigt, um den Test erfolgreich abschließen zu können. Bei den ersten Versuchen „beschwerte“ sich das iPhone über störende Umgebungsgeräusche.</p>
<h2 id="solide-technik-als-plattform-f-r-die-zukunft">Solide Technik als Plattform für die Zukunft</h2>
<p>Die AirPods Pro sind ein Produkt, die in den vergangenen Jahren immer wieder neue Features bekommen haben – einfach per Software-Update. Das mitzuverfolgen, war faszinierend. So ist es eigentlich keine Überraschung, dass bei der dritten Generation der InEars kein neuer Chip zum Einsatz kommt. Der H2 ist nach wie vor das Herzstück. Der Rest ist Engineering, worunter ich auch das neue Design zähle. Lediglich im Ladecase arbeitet ein verbesserter U-Chip, die Ortung über das iPhone deutlich verbessert. Das sind rundum gute Nachrichten. Weitere Funktionen – ganz egal in welchem Bereich – dürften auch zukünftig per Software hinzugefügt werden, einige davon hoffentlich auch für die Vorgängerversion. Wer aktuell die Version 2 im Einsatz hat und damit glücklich ist – und keine mutierenden Ohren hat wie ich – muss nicht zwingend neu kaufen, um die nächste Stufe des mobilen Musikkonsums zu erreichen, auch wenn der Sounds und vor allem auch die verbesserte Batterielaufzeit gute Argumente wären.</p>
<p>Es ist nach wenigen Wochen ohnehin noch zu früh, um ein abschließendes Urteil über die AirPods Pro 3 abzugeben. Von der Sound-Signature, die einige vielleicht als ungewöhnlich oder sogar überbordend empfinden mögen, werde ich vor allem beobachten, wie die neuen Silikon-Aufsätze altern und sich verhalten. Sie sind der Dreh- und Angelpunkt für die Funktionalitäten. Sitzen die AirPods nicht so perfekt wie möglich, ist der Rest auch egal. Hier bleibt abzuwarten, ob die Schaumstoffschicht im Inneren der Aufsätze ihre Stabilität behalten und langfristig den verbesserten Sitz garantieren.</p>
<p>Bis wir dieses Fazit ziehen können, bleibt zu konstatieren, dass die AirPods Pro 3 bei mir einen rundum gelungen Eindruck hinterlassen. Besserer Klang, besserer Sitz, längere Batterielaufzeit, mehr Möglichkeiten für Gesundheit und Fitness, verbesserter Schutz vor Wasser, Staub und Schweiß (nun IP57): Das ist schon alles ziemlich sehr gut. Noch besser: Die UVP ist mit 250 € gleich geblieben. Für InEars ist das natürlich immer noch sehr viel Geld. Aber wie es aussieht, können wir uns darauf verlassen, dass Apple dafür auch liefert.</p>
</div></div></div></div></div></section>]]></content><author><name> </name></author></entry><entry><published>2025-10-03T06:42:29.660Z</published><updated>2025-10-03T06:42:29.660Z</updated><link href="/sounds/plattenkritik-slowcream-dan-s-no-nine-recordings-rosa-boembchen-auf-dem-dancefloor" rel="alternate"></link><id>/sounds/plattenkritik-slowcream-dan-s-no-nine-recordings-rosa-boembchen-auf-dem-dancefloor</id><title>Plattenkritik: slowcream – dan/s (no.nine recordings) - Rosa Bömbchen auf dem Dancefloor</title><content type="html"><![CDATA[<img src="http://static.dasfilter.com/images/2025/9/29/plattenkritik-slowcream-dans-banner-x.jpg" alt="Plattenkritik slowcream dans Banner"/><p>Wie aus dem Nichts verzaubert uns Martin Raabenstein mit Musik, die wir alle kennen, so aber noch nie gehört haben.</p>
<section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p>Nachdem ich bereits vor zwei Wochen mit meiner Plattenkritik nah dran an mir, meiner Umgebung und Vergangenheit <a href="/sounds/plattenkritik-f-s-blumm-nils-frahm-handling-leiter-lasst-uns-spielen">war</a>, möchte ich diese Review dazu nutzen, neue Musik von einem lieben Freund vorzustellen. Eigentlich mache ich das nicht gerne – Abstand und so –, aber im Fall von Martin Raabenstein ist mir meine journalistische Distanz herzlich egal. Erstens hat er dieses Magazin viele Jahre aktiv <a href="/autoren/martin-raabenstein">mitgestaltet</a>, sowieso also full support, zweitens hat er mit den Releases auf seinem Label no.nine in den vergangenen 25 Jahren den Status Quo immer und immer wieder kompromisslos-taumelnd hinterfragt, und drittens ist „dan/s“ leider einfach geil.</p>
<p>Ich habe Raabenstein immer als Mitglied des Team „Raushauen“ wahrgenommen. Das galt und gilt für seine Arbeit als A&amp;R für das Label, für seine eigene Kunst, auch abseits der Musik und im Alltäglichen. Der Umgang damit war oft herausfordernd. Es bestand die Gefahr, dass die Veröffentlichungen und Tracks, die mir wirklich etwas bedeuteten und nachhallten, in der Promo-Flut nicht die Bermudadreieck-Pirouette drehten. Ohne den Katalog des Labels nochmal intensiv nachgehört zu haben, kann ich nun und hier, im Herbst 2025, berichten, dass die neun Tracks von „dan/s“ für mich eine derartige Sogwirkung entwickeln, dass das Bermudadreieck schlaff und ermattet, kraft- und perspektivlos von den Anziehungskräften des Universum geschluckt wird. Gute Nachrichten für den Atlantik, noch bessere für die Musik.</p>
<p>Die Pirouette droppt hier nicht zufällig in die Assoziationskette, denn: Es geht auf „dan/s“ um Tanz. Macht ja beim Albumtitel auf Sinn. Ging es bei slowcream aber schon immer, habe ich jetzt gelernt. Ihr könnt das selbst <a href="https://nonine.com/non050-slowcream-dan-s/">nachlesen</a>, für meine Geschichte rund um die Platte spielt es eine eher untergeordnete Rolle. Ich arbeite mich lieber am Sound ab.</p>
</div></div></div></div><figure class="content-entity content-embed video"><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="embed-source"><iframe width="560" height="315" src="https://www.youtube.com/embed/a3_dHDH9xY0?si=Xl_ELyA0BtojXJk9" title="YouTube video player" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" allowfullscreen></iframe></div></div></div></figure></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p>Und der ist schon besonders. Stellenweise gar einzigartig. Vom fulminanten Flow mal abgesehen. „Everyone everywhere“ präsentiert sich als ein High-Fidelity-Versteckte-Kamera-Mitschnitt, in der die Regenwolke aus Blade Runner geheime Informationen mit der besten Bassline von Front 242 austauscht und beide Parteien gleich nach dem Business ins Pleasure wechseln. „Big black car“ ist die B-Seite, auf die alle Dial-Fans seit Jahrzehnten warten. „Mifune mon amour“ orchestriert den Strandspaziergang von Patrick McGoohan und Diana Rigg in Portmeirion unter Beschuss von rosa Bömbchen. Und „Permanent peach“ hätte eigentlich auf Chain Reaction erscheinen müssen. Auf „dan/s“ sitzt jeder Beat, jeder Sound. Der Mix ist weit und breit und luftig. Im kategorisch elektronischen Gerüst tanzen Jazz, Downbeat, nicht <em>ganz</em> gerade (thank God!) 4/3,986-Grooves durch das Dickicht der täglichen Sonnenfinsternis. Dabei bollert alles angemessen unscharf und swingt voller Strahlkraft gen einem Sonnenuntergang, der schon schon längst gestrichen wurde. Auf „dan/s“ ist schlichtweg nichts, wie es scheint. Und das ist sehr gut so.</p>
<p>Warum? Martin Raabenstein spielt mit einem kohärenten Set aus Sounds und Ideen, lässt alles jedoch so in Interaktion treten, wie es noch niemandem eingefallen ist. Dadurch entsteht ein multidimensionales Geflecht aus Arrangements, Strukturen, Referenzen und Brüchen, die nicht nur am Strand von Portmeirion und rosaroter Bombardierung tektonische Verschiebungen auslösen. „dan/s“ bebt. Kontinuierlich und endlos. Das hätte so schon vor langer Zeit in ganz anderen Kontexten passieren müssen. Aber es ist nie zu spät für gute Musik. </p>
<p>Tanzen wir einfach. Haben wir Hoffnung. Schauen wir die Videos zum Album und drehen die Musik nochmal lauter als möglich. Lasst uns einfach wieder machen.</p>
</div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><figure class="content-entity content-embed center"><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="embed-source"><iframe style="border: 0; width: 350px; height: 753px;" src="https://bandcamp.com/EmbeddedPlayer/album=3781241972/size=large/bgcol=ffffff/linkcol=0687f5/transparent=true/" seamless><a href="https://noninerecordings.bandcamp.com/album/dan-s">dan/s by slowcream</a></iframe></div></div></div></figure></div></section>]]></content><author><name> </name></author></entry><entry><published>2025-10-01T06:47:17.823Z</published><updated>2025-10-01T06:47:17.823Z</updated><link href="/kultur/pageturner-oktober-2025-blicke-literatur-von-esther-kinsky-olivia-laing-und-hans-von-trotha" rel="alternate"></link><id>/kultur/pageturner-oktober-2025-blicke-literatur-von-esther-kinsky-olivia-laing-und-hans-von-trotha</id><title>Pageturner – Oktober 2025: Blicke - Literatur von Esther Kinsky, Olivia Laing und Hans von Trotha</title><content type="html"><![CDATA[<img src="http://static.dasfilter.com/images/2025/9/24/pageturner-oktober-2025-banner-x.jpg" alt="Pageturner Oktober 2025 Banner"/><p>Kino als sozialer Raum, ein Haus auf dem Land und die Gärten der Welt. Zu Beginn des Herbstes sammelt Frank Eckert literarische Strahlkraft.</p>
<section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><h2 id="esther-kinsky-weiter-sehen-suhrkamp-2023-">Esther Kinsky – Weiter Sehen (Suhrkamp, 2023)</h2>
<p>Kino ist ja auch nur Leben. Und, möchte ich mit Esther Kinskys jüngstem Roman hinzufügen, tiefste Melancholie. Dazu noch Indiz einer allgemeineren soziokulturellen Entwicklung hin zur Nahsicht, zu Details, zum Privaten, Individuellen, Abgekapselten, Kleinen und Isolierten, das uns so vieler menschlicher Möglichkeiten beraubt. Waren Kinskys bisherige Romane schon autofiktionale Psychogeografien, miterlebte Erzählungen von Begegnungen mit Orten und Menschen, so rückt „Weiter Sehen“ noch näher an das Erfahrene heran, vermittelt über die Distanz des Kinos. </p>
<p>Der Roman entfaltet sich dieses Mal nicht im milchigen Licht Norditaliens, zuletzt im Schwemmland des Po oder in der zerklüfteten Karstlandschaft der Berge, sondern im Grenzland von Ungarn und Rumänien, wo das Land so platt ist, „man braucht nur auf einen Kürbis steigen und könne bis Budapest sehen“. Die namenlose Ich-Erzählerin reflektiert darin über das Sehen, das weiter Sehen, wie es ein Jahrhundert lang das Kino ermöglichte. Eine gemeinschaftliche und doch individuelle Erfahrung, die heute zunehmend verloren geht. Am Rand der flachen Welt ist es schon längst so weit, das „Mozi“ seit vielen Jahren geschlossen, die Sozialgemeinschaft im Dorf, das einmal eine Stadt war, verfallen und verwittert wie die Häuser und Straßen, die im dauerfeuchten Boden ziemlich unpittoresk in sich zusammenfallen. Der Versuch der Wiederbelebung von Kino und Sozialleben durch die Erzählerin ist von Beginn an – im Wissen um das zwangsläufige Scheitern – melancholisch, aber nicht tragisch. Nicht einmal melodramatisch. Die Verbindlichkeit der Kino-Erfahrung und damit dessen Gemeinschaft und Identität stiftender Wert ist den wenigen verbliebenden Dorfbewohnern noch in lebhafter Erinnerung. Dennoch muss die Wiederbelebung an Desinteresse und ökonomischem Kalkül scheitern. Es bleibt ein kurzer wie schöner Moment der Hoffnung, bevor die Realität wieder die Übermacht gewinnt. Vielleicht ja eine Metapher für das Kino selbst, eine von unzähligen in dieser – wie von Kinsky nicht anders gewohnt – wundervoll und sprachmächtig erzählten „wahren“ Geschichte.</p>
</div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><h2 id="olivia-laing-the-garden-against-time-picador-2024-">Olivia Laing – The Garden Against Time (Picador, 2024)</h2>
<p>Im Laufe der Jahre habe ich gelernt und akzeptiert, dass mir (und meinem Rücken und meinen Allergien) die Reflexion über Gärten und Gärtnern wesentlich besser bekommt als die Praxis vor Ort. Wenn eine solche Gartenaufarbeitung dann noch von Olivia Laing kommt: umso besser. „The Garden Against Time“ ist dann auch nur zu einem kleinen Teil Chronik ihres späten Familienglücks:Heiraten, nach Suffolk aufs Land ziehen, dort ein Anwesen mit einem (lokal) berühmten historischen Garten aus der Zeit King Georges erwerben und  restaurieren. </p>
<p>Interessanter als die Aufzählung aller sprießenden und wuchernden Flora sind allerdings die Geschichten ihrer teils illustren und prominenten gartenverantwortlichen Vorgänger:innen und noch mehr sogar die breiter angelegte Historie und Genese der Gartenkunst selbst. Speziell der südbritischen, die immer mit Klasse und Repräsentation, Macht, Einfluss und Emanzipation, häufig auch mit dem Kolonialismus des British Empire und nicht zuletzt mit Reichtum aus dem Sklavenhandel zu tun hatte. Aber darüber hinaus zieht Laing Verbindungen mit dem Prozess der Zivilisation selbst, mit der seit der Antike quer durch Kulturen und Zeiten vorhandenen Assoziation von Gärten mit dem Paradies. Das Paradox, dass die oft mit immensem landschaftsarchitektonischen Aufwand betriebene Einschließung eines Stücks Natur, die Abtrennung eines Teils der Natur von der umgebenden Wildnis, zur Idylle werden kann, zu einem sorgfältig kuratierten Gleichgewicht zwischen botanischer Anarchie und Ordnung – mit jeweils riesigem permanenten Pflegeaufwand. Sogar Olivia Laing, die kluge Chronistin urbaner Einsamkeit, neigt hin und wieder zur Verklärung des Landlebens als ultimativ ästhetisiertes Cottage-mit-riesigem-Garten-Dasein in einer von der feindlichen Umwelt abgewandten Enklave der Selbst- und Gartenverwirklichung. Vorbilder sind zum Beispiel Derek Jarman und einige queere und/oder kommunal-libertinäre Gartenenthusiasten der vergangenen Jahrhunderte. Laing ist allerdings klug genug, dies nicht als Insta-Lebensmodell für alle zu verkaufen und blendet die oft schwierige Historie und das meist blutige Erbe alter Gärten zum Glück nicht aus.</p>
</div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><h2 id="hans-von-trotha-im-garten-der-romantik-berenberg-2016-der-franz-sische-garten-verlag-klaus-wagenbach-2022-">Hans von Trotha – Im Garten der Romantik (Berenberg, 2016) / Der Französische Garten (Verlag Klaus Wagenbach, 2022)</h2>
</div></div></div></div></div></section><section class="content-section twoway"><div class="groups"><div class="group top"></div><div class="group top"></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p>Die Ästhetikbeflissenen der Romantik, sie wollten lieber in die freie Natur als in einen kuratierten abgegrenzten Pflanzenraum, wie ihn der Garten darstellt in der damals in Kontinentaleuropa noch dominierenden französischen oder Leibniz&#39;schen Form. So behaupten es zumindest die Absichtsbekundungen und Pamphlete der Romantiker, vor allem der deutschen, auf der stetigen Suche nach dem Gefühl des Erhabenen. Doch es wurden selbstverständlich auch im späten 18. und 19. Jahrhundert Gärten und Parks angelegt. Der Berliner Historiker und Philosoph der Gartenbaukunst, Hans von Trotha, hat sie alle besucht und versucht, „Im Garten der Romantik“ Zusammenhänge und Differenzen, Kontinuitäten und Brüche zu finden – zwischen Zeiten, aber auch zwischen Ländern und Kulturen, ausgehend von den deutschen Gärten der Romantik. Er findet, ähnlich Olivia Laing, eine Historie der Zivilisation, die nicht immer idyllisch bukolisch war. Und doch ist es immer die sinnliche Anziehungskraft der Gärten, die solche Erkenntnis quer durch alle Kulturen und Zeiten möglich machte. Der Begriff des Erhabenen entstand eben nicht in der widrigen Natur, sondern im Garten. </p>
<p>„Der Französische Garten“ gibt dagegen eine kleine Zivilisationskunde der französischen <em>Gärten</em>: Plural, denn es gibt eine Vielfalt, die vom Kernklischee des französischen Gartens (Symmetrie, Ordnung, Einhegung, Kontrolle, Klarheit, Sichtachsen) abweicht, oder sie kunstvoll beugt und variiert – beinahe bis hin zum Antagonisten, dem Englischen Garten. Hans von Trotha spaziert durch die Gärten in und um Paris und erzählt en passant die Geschichte der europäischen Gartenarchitektur und der Gesellschaftspolitik, die mit und durch die Gärten betrieben wurde und wird. Von wem, für wen, warum und in welcher Form: Gärten sind immer ein Spiegel ihrer Zeit und der Gesellschaft. Sie haben aber durch ihre Langlebigkeit auch einen dynamischen Charakter. Das höchst erbauliche und informative Büchlein lädt ein, sich diese Geschichte – und was von ihr übrig blieb – einmal näher anzusehen, am besten vor Ort. Paris ist nicht weit.</p>
</div></div></div></div></div></section>]]></content><author><name> </name></author><author><name> </name></author></entry><entry><published>2025-09-28T09:55:31.119Z</published><updated>2025-09-28T09:55:31.119Z</updated><link href="/sounds/plattenkritik-twin-color-extended-play-no-2-infin-the-lost-future" rel="alternate"></link><id>/sounds/plattenkritik-twin-color-extended-play-no-2-infin-the-lost-future</id><title>Plattenkritik: Twin Color – Extended Play No. 2 (Infiné) - The Lost Future</title><content type="html"><![CDATA[<img src="http://static.dasfilter.com/images/2025/9/28/murcof-x.jpg" alt="murcof"/><p>Mit dieser EP liefert Fernando Corona eine so kalte wie melancholisch stimmende Coda zum Album des Vorjahres.</p>
<section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p>Man kann schon etwas durcheinander geraten bei diesen Betitelungen: 2022 releaste <a href="/tags/murcof">Murcof</a> eine EP unter dem Namen „Twin Color – Extended Play No. 1“, 2024 ein Album namens „Twin Color – Vol. 1“, und nun, Ende August war es, noch eine EP mit dem Titel „Twin Color – Extended Play No. 1“. Aber natürlich macht es am Ende Sinn, denn alle drei Veröffentlichungen weisen eine klare Konsistenz auf und bilden innerhalb des Werks des Mexikaners eine Binnendifferenz: Angelehnt an die epochale Synth-Kunst eines Vangelis, Angelo Badalamenti oder John Carpenter, taucht Corona erneut mit uns ab in retro-futuristische Klangwelten, die also in eine Zukunft weisen, die sich nur noch aus der Vergangenheit heraus erahnen und erblicken lässt. Denn seitdem diese Art der Musik ihre ganz große Zeit hatte, wir sprechen von einer Zeit, in der Twix wirklich noch Raider hieß, Kids versuchten, die Gimmicks aus ihren Yps-Heften zum Laufen zu bringen und im Kino die verlassenen Gleise von „Stand By Me“ zu sehen waren, die heute in „Stranger Things“ rezitiert werden, seitdem ist viel Gegenwart passiert, die diese Zukunft der Vergangenheit ganz gut geschrottet hat. Andererseits: Leben wir nicht längst in einer Blade-Runner- und Escape-From-New-York-Welt und haben es nur noch nicht begriffen. </p>
<p>Die stählerne Kälte, auf der Murcof seine manchmal fast kitschigen Melodien und Klänge ausbreitet, ist jedenfalls nicht weniger deutlich als in der ersten und im Album. Motive aus den vorherigen Veröffentlichungen werden wieder aufgegriffen und weitergesponnen, auch die sirenenhaft umgemodelte Stimme seiner Tochter erklingt erneut. Entstanden sind die Stücke bereits, im Kontext mit den anderen, vor fünf Jahren. Der Opener „The Fall“ war damals als Soundtrack für ein letztlich nie realisiertes Scifi-Game vorgesehen gewesen. Murcof plant anscheinend, die Reihe „Twin Color“ fortzusetzen – ob er noch mehr Material aus der Pandemiephase in petto hat oder sich erneut in Synthscapes alter Zeiten hineinversetzt, wir werden es hören.</p>
</div></div></div></div></div></section><section class="content-section twoway"><div class="groups"><div class="group top"><figure class="content-entity content-embed center"><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="embed-source"><iframe height="450" width="100%" title="Media player" src="https://embed.music.apple.com/us/album/twin-color-extended-play-no-2-ep/1817231722?itscg=30200&amp;itsct=music_box_player&amp;ls=1&amp;app=music&amp;mttnsubad=1817231722&amp;at=10lJRN&amp;theme=auto" id="embedPlayer" sandbox="allow-forms allow-popups allow-same-origin allow-scripts allow-top-navigation-by-user-activation" allow="autoplay *; encrypted-media *; clipboard-write" style="border: 0px; border-radius: 12px; width: 100%; height: 450px; max-width: 380px;"></iframe></div></div></div></figure></div><div class="group top"><figure class="content-entity content-embed center"><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="embed-source"><iframe data-testid="embed-iframe" style="border-radius:12px" src="https://open.spotify.com/embed/album/3IA7WQ7LazMLrQO9RNvgtW?utm_source=generator" width="380" height="450" frameBorder="0" allowfullscreen="" allow="autoplay; clipboard-write; encrypted-media; fullscreen; picture-in-picture" loading="lazy"></iframe></div></div></div></figure></div></div></section>]]></content><author><name> </name></author></entry><entry><published>2025-09-19T06:51:48.131Z</published><updated>2025-09-19T06:51:48.131Z</updated><link href="/sounds/plattenkritik-f-s-blumm-nils-frahm-handling-leiter-lasst-uns-spielen" rel="alternate"></link><id>/sounds/plattenkritik-f-s-blumm-nils-frahm-handling-leiter-lasst-uns-spielen</id><title>Plattenkritik: F.S. Blumm &amp; Nils Frahm – Handling (Leiter) - Lasst uns spielen</title><content type="html"><![CDATA[<img src="http://static.dasfilter.com/images/2025/9/15/plattenkritik-f-s-blumm-nils-frahm-handling-banner-x.jpg" alt="Plattenkritik F.S. Blumm Nils Frahm Handling Banner"/><p>Die beiden Berliner Musiker machen seit vielen Jahren immer wieder mal gemeinsame Platten. Wie die klingen, ist immer überraschend. „Handling“ ist ein Straßenfeger.</p>
<section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p>Vor ein paar Wochen brannte es in der Tiefgarage drei Etagen unter mir. Feuerwehrleute klingelten mich gegen Mitternacht aus dem Bett, stapften ins Wohnzimmer, um sich zu überzeugen, dass alle Fenster geschlossen sind und auch bleiben. An Schlaf war danach nicht mehr zu denken, die Löscharbeiten dauerten ein paar Stunden. Von der Polizei war am Tag darauf zu hören, dass es Brandstiftung war. Und von der Hausverwaltung, dass es eine Woche dauern würde, um die Wasserversorgung wieder herzustellen.</p>
<p>Ganz unbewusst dachte ich in den folgenden Tagen viel über meinen Kiez nach, in dem ich nun schon mehr als 20 Jahre wohne. Wie er sich verändert hat. Wie lebendig hier alles mal war und wie durchformatiert heute mit all dem teuren Normcore. Die Erinnerungen an früher schickten mich natürlich auch musikalisch zurück. Erst im Geiste durch die Tagesbars und improvisierten Keller, dann unter dem Kopfhörer in meinem Exil zu den dazugehörigen Alben und Künstler:innen. Auch zu Frank Schültge aka <a href="/tags/f-s-blumm">F.S. Blumm</a> und Nils Frahm.</p>
<p>Beide stehen eigentlich für völlig unterschiedliche musikalische Entwürfe. Schültge war für mich immer „der Mann mit der Gitarre“, was natürlich Quatsch ist. Tatsächlich ist er ein Musiker, der mit allem Musik macht, was ihm unter die Finger kommt. Und Frahm „der Mann am Klavier“. Auch das ist wie wir wissen <a href="/sounds/warum-genau-mache-ich-nochmal-musik-nils-frahm-im-interview">nur die halbe Geschichte</a>.</p>
</div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p>„Handling“ ist das erste gemeinsame Album von Blumm und Frahm seit 2021. Damals stiegen beide in eine Badewanne aus traditionsinformiertem Dub, den sie durch ihre ganz eigenen Effektketten und Seelen schoben. Kein Wunder, dass es vier Jahre gebraucht hat, um wieder aufzutauchen. Drei Stücke haben sie aufgenommen – „Leuchter 1–3“ – und um Himmels Willen: Wie herrlich das alles leuchtet! Es ist Musik ohne Anfang und Ende, ein Perpetuum Mobile der endlosen Improvisation, des gegenseitigen Zuhörens und Reagierens, des konsequenten Schichtens und sofortigen Abtragens. Rauf und runter, links und rechts, ein Road Movie für den knarzenden Holzboden des Studios. Ohne zu wissen, was hier wirklich geschieht, was es will und was nicht, ist schnell klar, dass das Drehbuch von einem blechernen Spielzeugroboter jede Sekunde konsequent wieder umgeschrieben wird, während der von Instrument zu Instrument krabbelt, um neue Trigger auszulösen und dabei doch nur die Hängematte sucht. </p>
<p>Alle Fragmente wirken still und schüchtern, scheinen oft gar nichts über sich zu wissen, leben ihr oft nur angedeutetes Dasein aber voller Stolz aus. „Handling“ ist keine Studie in Wohlklang, sondern ein sich wie magisch immer wieder (auf)lösender Rubik’s Cube, der ChatGPT die Prinzipien der musikalischen Quantenphysik erklärt. Eine der besten Platten 2025 bislang. Ein Quell der Ruhe und der Konzentration, Schwingung und Schwebung zugleich. Alles wirkt leicht und spielerisch. „Handling“ lässt das Draußen verschwinden und verschwimmen. Ein echter Straßenfeger eben.</p>
</div></div></div></div></div></section><section class="content-section twoway"><div class="groups"><div class="group top"><figure class="content-entity content-embed center"><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="embed-source"><iframe height="450" width="100%" title="Mediaplayer" src="https://embed.music.apple.com/de/album/handling/1823694268?itscg=30200&amp;itsct=music_box_player&amp;ls=1&amp;app=music&amp;mttnsubad=1823694268&amp;at=10lJRN&amp;theme=auto" id="embedPlayer" sandbox="allow-forms allow-popups allow-same-origin allow-scripts allow-top-navigation-by-user-activation" allow="autoplay *; encrypted-media *; clipboard-write" style="border: 0px; border-radius: 12px; width: 100%; height: 450px; max-width: 380px;"></iframe></div></div></div></figure></div><div class="group top"><figure class="content-entity content-embed center"><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="embed-source"><iframe data-testid="embed-iframe" style="border-radius:12px" src="https://open.spotify.com/embed/album/06obIq8VfexLewkhvg3ALt?utm_source=generator" width="300" height="380" frameBorder="0" allowfullscreen="" allow="autoplay; clipboard-write; encrypted-media; fullscreen; picture-in-picture" loading="lazy"></iframe></div></div></div></figure></div></div></section>]]></content><author><name> </name></author></entry><entry><published>2025-09-13T08:05:47.771Z</published><updated>2025-09-13T08:05:47.771Z</updated><link href="/sounds/plattenkritik-radiohead-ok-computer-parlophone-keine-tickets-aber-ein-album-fuers-leben" rel="alternate"></link><id>/sounds/plattenkritik-radiohead-ok-computer-parlophone-keine-tickets-aber-ein-album-fuers-leben</id><title>Plattenkritik: Radiohead – OK Computer (Parlophone) - Keine Tickets, aber ein Album fürs Leben</title><content type="html"><![CDATA[<img src="http://static.dasfilter.com/images/2025/9/13/radiohead-ok-computer-x.jpg" alt="Radiohead OK Computer"/><p>Die Zahl derer, die keine Karten für die Radiohead-Konzerte im Dezember bekommen haben, ist mit Sicherheit größer als die, die welche bekommen haben. Es ist immer doof, sich zum Mainstream zählen zu müssen. Dafür sind Erinnerungen stark und Musik kann auch anders Generationen überdauern.</p>
<section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p>Dass die Enttäuschung groß sein würde, war ja schon abzusehen. Als Radiohead vor zehn Tagen ankündigten, seit vielen Jahren wieder Konzerte zu spielen, bekam ich Anrufe und Nachrichten von einigen alten Freunden. Dass man da ja zusammen hingehen und man sich endlich auch mal wiedersehen könne. Wir besprachen, dass sich jeder von uns einzeln um einen Ticket-Code bewerben könne – was natürlich die Chancen vergrößerte – aber eigentlich war ich schon da ein wenig abgeturnt. Das mag am fortgeschrittenen Alter liegen (ich stelle mich auch nicht länger als zehn Minuten für einen Döner, Donut oder Burger an), andererseits ist es aber auch die wachsende Aversion gegen Hype-Ökonomien der Gegenwart, die mir (nicht zuletzt nach Labubu in Berlin oder auch Oasis) partout nicht gefallen will. </p>
<p>Das Rennen um die Tickets war wie bei „Takeshi’s Castle“. Einige kamen nicht mal zur Registrierung durch und flogen quasi im Vorfeld schon raus. Viele konnten sich registrieren, aber bekamen dann allerdings keinen Code. So wie ich. Die Einzige, die einen Code bekam, war meine Frau, die sich am Freitag auch brav an den Rechner setzte und über zwei Stunden wartete, um Tickets auszusuchen, diese in den Warenkorb schob – der Browser zeigte an, dass die Karten 16 Minuten vorgehalten würden – bis sie dann plötzlich wieder rausflog, die Tickets weg waren, sie sich nochmal von vorne anstellte, um dann festzustellen, dass alles ausverkauft war. Derweil explodierten die Angebote und Preise für Radiohead-Tickets bei den Reseller-Plattformen. Der Frust und Ärger (auch in diversen Foren) war dementsprechend groß.  </p>
<p>Dann halt nicht. Hätte man sich sparen können. Ich scherzte schon im Vorfeld, dass es einfacher (und wahrscheinlich günstiger) ist, ein Journalistenvisum für Russland oder China zu bekommen. In Russland war ich noch nicht. Für China hat das vor Jahren wenigstens geklappt. </p>
<p>Fairerweise muss man sagen, dass Radiohead sich zumindest bemühten, transparente und faire Preise aufzurufen, und eben nicht auf gieriges Dynamic Pricing wie Oasis setzten. Aber irgendwie ist der ganze Zirkus letztlich doch ganz schön albern geworden. Ich erwartete auch keine Epiphanie, war aber vom Weezer-Konzert in der Columbiahalle dieses Jahr dann doch so versöhnt und begeistert, dass ich allmählich verstand, dass das gemeinsame Altern mit Bands, auch etwas sehr Schönes haben kann. Auch wenn die Musiker einen nicht kennen, man hat doch über Jahrzehnte eine symbiotische Beziehung geführt.</p>
</div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><h2 id="pogo-zu-paranoid-android-">Pogo zu „Paranoid Android“</h2>
<p>Ich musste mich an mein erstes Radiohead-Konzert am 2. Juli 1997 im Kölner E-Werk erinnern. Das dritte Album „OK Computer“ kam zwei Wochen vorher raus und ich kannte es schon fast auswendig, so sehr berührte es mich. „The Bends“ war bis dahin eines meiner Lieblingsalben, aber dass „OK Computer“ so ein Meilenstein der Musikgeschichte würde, wussten zu dem Zeitpunkt auch die Kritik und das Feuilleton noch nicht. Als Vorband spielten die großartigen Divine Comedy. Dieser Abend im Sommer 1997 schenkte mir eines der erleuchtendsten und mitreißendsten Konzerte meines Leben. Ich reiste mit dem Zug aus dem Ruhrgebiet an und ging mit einem damaligen Freund aus Bergisch-Gladbach dort hin, bei dem ich auch übernachtete. </p>
<p>Die Show begann mit dem E-Moll-Arpeggio von „Lucky“, Thom Yorke im ausgedunkelten Raum sang „I’m on the roll …“ und mit dem Refrain explodierte das Licht, die Band und das Publikum. Konzertmäßig war es aber auch irgendwie auch eine seltsame Zeit. Heute kaum vorstellbar, dass man zu Radiohead-Songs wie „Just“ oder „Paranoid Android“ Pogo tanzt und von der Bühne springt, aber genau das passierte. In den Ansagen wurde klar, dass das der Band nicht so wirklich gefiel. Ich erinnere mich auch an ähnliche Szenarien bei Tocotronic-Konzerten zu der Zeit, bei denen die Band immer anmahnte, doch nicht so extatisch zu springen und zu schubsen. Auch weil es zum Großteil die Jungs waren, die derart ausrasteten, und für die Mädchen das eher einschüchternd und beängstigend war. Bei beiden Bands war die Konsequenz, dass sie im Laufe der Zeit immer weniger schnelle und laute Stücke schrieben und spielten. </p>
<p>Als ich vorhin das Ticket für diesen Text raussuchte, um es zu fotografieren, musste ich auch über den Ticketpreis schmunzeln: 28 DM! Es waren einfach andere Zeiten. </p>
<p>Bestimmt ist es dem jungen, gerade führerscheintauglichen Alter geschuldet, dass Konzerte aus dieser Lebensphase besonders intensiv und lange verhaften. Aber dass „OK Computer“ ein besonderes Album war, erkannte ich auch in dem Moment, als ich mit meinem Vater im Auto fuhr, „No Surprises“ lief, und er meinte: „Das ist aber schöne Musik, die du da hörst.“ Sonst neigte ich in den Jahren davor dazu, meine Eltern bei gemeinsame Fahrten auch gerne mit Cypress Hill und Bodycount zu malträtieren, auch weil sie die Texte nicht verstanden und ich natürlich wusste, dass die Musik ihnen nicht gefallen würde. Heute landen beide – aus Gründen – auch eher selten bei mir auf den virtuellen Plattenteller. </p>
<p>Noch bevor bekannt wurde, dass Radiohead ihre Konzerte in Berlin spielen würden, bekam das Album bei uns erneut ein großes Revival. Unser dreijähriges Kind ist großer Radiohead-Fan geworden. „Karma Police“ ist sein absolutes Lieblingslied, das er seit Monaten jeden Tag vor sich hinsingt und trällert. Wir spielen seitdem den Song immer wieder zusammen. Ich an der Gitarre oder Klavier und wenn der finale Teil einsteigt „For a minute there, I lost myself“, dann singt er mit einer Inbrunst mit, dass ich Freudentränen verdrücke wie damals mit 18 im Kölner E-Werk. </p>
<p>Es macht mich in der Tat glücklich, dass wir so früh eine gemeinsame Liebe für Musik teilen können. (Auch die Feststellung, dass die sonst übliche furchtbare Tonies-Kindermusik für Kinderzimmer nicht obligatorisch sein muss – man darf Kinder niemals unterschätzen.) Seit fast 30 Jahren spielt dieses Album in meinem Leben eine Rolle – und es entwickelt sich auf teils überraschenden Wegen immer weiter. Ich fragte mich auch schon, ob man Textpassagen wie „her Hitler hairdo“ irgendwie zensieren müsste. Aber das können wir dann besprechen, wenn er ein bisschen älter ist, wenn wir hoffentlich das Album gemeinsam mit der Familie weiterhin hören werden.</p>
</div></div></div></div></div></section><section class="content-section twoway"><div class="groups"><div class="group top"><figure class="content-entity content-embed center"><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="embed-source"><iframe style="border-radius:12px" src="https://open.spotify.com/embed/album/6dVIqQ8qmQ5GBnJ9shOYGE?utm_source=generator" width="300" height="380" frameBorder="0" allowfullscreen="" allow="autoplay; clipboard-write; encrypted-media; fullscreen; picture-in-picture"></iframe></div></div></div></figure></div><div class="group top"><figure class="content-entity content-embed center"><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="embed-source"><iframe height="450" width="100%" title="Media player" src="https://embed.music.apple.com/us/album/ok-computer/1097861387?itscg=30200&amp;itsct=music_box_player&amp;ls=1&amp;app=music&amp;mttnsubad=1097861387&amp;theme=auto" id="embedPlayer" sandbox="allow-forms allow-popups allow-same-origin allow-scripts allow-top-navigation-by-user-activation" allow="autoplay *; encrypted-media *; clipboard-write" style="border: 0px; border-radius: 12px; width: 100%; height: 450px; max-width: 380px;"></iframe></div></div></div></figure></div></div></section>]]></content><author><name> </name></author></entry><entry><published>2025-09-06T11:04:53.151Z</published><updated>2025-09-06T11:04:53.151Z</updated><link href="/sounds/plattenkritik-christian-wallumrd-percolation-sofa-mut-zum-fehlklang" rel="alternate"></link><id>/sounds/plattenkritik-christian-wallumrd-percolation-sofa-mut-zum-fehlklang</id><title>Plattenkritik: Christian Wallumrød – Percolation (Sofa Music) - Mut zum Fehlklang</title><content type="html"><![CDATA[<img src="http://static.dasfilter.com/images/2025/9/6/percolation-x.jpg" alt="Percolation"/><p>Der Norweger Christian Wallumrød traut sich und uns mit „Percolation“ einiges zu, so sachte das Album auch daher kommt.</p>
<section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p>Gleich vorweg: „Percolation“ ist keineswegs jene musikalisch schroff gerebelte Rohkost, die nur solche Menschen goutieren können, die bei Kadenzmusik Sodbrennen kriegen. So ist es nun auch nicht. Aber: Der Norweger Christian Wallumrød, der als Pianist, Kopf eines Ensembles und Komponist über mittlerweile Jahrzehnte hinweg die Musikwelt Norwegens mitprägt, traut sich schon ein bisschen weiter hinaus in die Welt der Chromatik. Und das ist eine gute Botschaft – mal ganz profan gesagt, finde ich vieles, was mir als neuklassische Klaviermusik entgegen tönt, mitunter ziemlich cheesy und berechnend. Hier ist es erfrischend anders. Scheinbare Fehltöne klingen in den Stücken auf und sorgen für Irritation. Oder der Tastendruck, der zur scheinbar falschen Zeit gesetzt wird. Was fast ein wenig unbeholfen wirkt, wirkt, also scheint nur so zu sein. Denn diese scheinbar unbeabsichtigten Geräusche oder Verzögerungen bindet der Mann gekonnt ein, webt musikalische Strukturen, deren Maschen nur so eng wie nötig sind und Luft lassen. Und das Handwerk einbeziehen: Wenn man die Mechanik des Instruments sich mitbewegen hört, das Pedal zurück schwingt, werden Erinnerungen an Otto A Totlands Werk wach. </p>
<p>Und gerade, als man glaubt, man habe das Album verstanden, kommt jemand hinter dem Vorhang hervorgetreten, schiebt das Klavier von der Bühne und hängt an der Decke eine elektronisch verfremdete Autoharp auf, die minutenlang über den Köpfen des Auditoriums herumschwingt. Als nächstes plumpst ein Beat herum wie ein vom Himmel fallendes Knetmännchen und wird mit einem mysteriösen New-Orleans-Ostinato gekoppelt. Zum Schluss dann wieder das nicht ganz so wohltemperierte Piano. Das Spiel mit Ernsthaftigkeit und Augenzwinkern, mit Stille und Auf- und Ausbruch, mit Brüchen von Hörgewohnheiten und Zugänglichkeit, es weiß zu überzeugen. Und macht mir Lust, mich ein wenig eingehender mit seinen bisherigen Arbeiten zu beschäftigen.</p>
</div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><figure class="content-entity content-embed center"><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="embed-source"><iframe height="450" width="100%" title="Media player" src="https://embed.music.apple.com/us/album/percolation/1820352797?itscg=30200&amp;itsct=music_box_player&amp;ls=1&amp;app=music&amp;mttnsubad=1820352797&amp;at=10lJRN&amp;theme=auto" id="embedPlayer" sandbox="allow-forms allow-popups allow-same-origin allow-scripts allow-top-navigation-by-user-activation" allow="autoplay *; encrypted-media *; clipboard-write" style="border: 0px; border-radius: 12px; width: 100%; height: 450px; max-width: 660px;"></iframe></div></div></div></figure></div></section>]]></content><author><name> </name></author></entry><entry><published>2025-09-01T08:16:08.496Z</published><updated>2025-09-01T08:16:08.496Z</updated><link href="/kultur/pageturner-september-2025-exit-strategien-literatur-von-gabriel-bump-gudrun-lerchbaum-und-molly-mcghee" rel="alternate"></link><id>/kultur/pageturner-september-2025-exit-strategien-literatur-von-gabriel-bump-gudrun-lerchbaum-und-molly-mcghee</id><title>Pageturner – September 2025: Exit-Strategien - Literatur von Gabriel Bump, Gudrun Lerchbaum und Molly McGhee</title><content type="html"><![CDATA[<img src="http://static.dasfilter.com/images/2025/9/1/pageturner-september-2025-banner-x.jpg" alt="Pageturner September 2025 Banner"/><p>Raus. Aufhören. Neu starten. In seiner Kolumne beleuchtet Frank Eckert ganz unterschiedliche Exit-Strategien. Vom Rückzug in einen Bunker über Pilzsporen, die das Lebensende zum Erkenntnis versprechenden Trip machen bis zu einem obskuren Job-Angebot, das so nur im wirklich sehr späten Spätkapitalismus denkbar ist.</p>
<section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><h2 id="gabriel-bump-the-new-naturals-algonquin-books-2023-">Gabriel Bump – The New Naturals (Algonquin Books, 2023)</h2>
<p>Wo Utopia genau liegt, war lange unbekannt. Nun wissen wir: in Massachusetts, in einem Bunker. Dorthin zieht es eine hochgradig diverse Gruppe desillusionierter und marginalisierter Menschen, die kaum mehr gemeinsam haben als die Erfahrung von Ablehnung, Ausgrenzung und Enttäuschung. Eine neue Gesellschaft, kein bisschen weniger, soll da entstehen, vollständig autark, ohne den Druck von Rassismus, Sexismus, Kapitalismus und Klimawandel, egalitär und inklusiv. „The New Naturals“ eben. </p>
<p>Gabriel Bump verbringt den größten Zeil seines zweiten Romans damit, klarzustellen, dass es kein besonders hartes Schicksal, aber auch keine außergewöhnlich strikte Radikalität braucht, um eine neue Gesellschaft, einen Neustart des Lebens zu wollen. Es sind weitgehend ausgeglichene, meist gut ausgebildete und sozial integrierte Menschen, die von dem Projekt angezogen werden. Darunter auch eine offensichtlich von ihrem Leben gelangweilte milliardenschwere Sponsorin, was die Durchführung des Projekts wie von selbst gehen lässt. </p>
<p>Es ist kein Spoiler zu verraten, dass es schief geht, aber warum und wie es schief geht unterscheidet Bumps Roman von so ziemlich jeder anderen Bunker/Aussteiger-Dystopie, die je geschrieben wurde. Es läuft ohne Trauma und Gewalt ab, man geht einfach getrennte Wege und versucht etwas anderes. Ein spekulativer Roman ist „The New Naturals“ nicht einmal im weitesten Sinn. Die Dynamik der Bunkergesellschaft, die technischen oder sozialen Gegebenheiten interessieren den Roman kein bisschen. Sowieso spielt nur eine Handvoll Seiten tatsächlich im Bunker. Ausführlich feingezeichnet dagegen die inneren Verwundungen und Enttäuschungen der erzählenden Charaktere: Wie die Summe scheinbar belangloser kleiner Beleidigungen und Zurückweisungen sogar gänzlich „normale“ Leute dazu bewegen könnte, in einen Bunker zu ziehen (zugegeben in einen recht luxuriösen, mit sorgfältig kuratierter Bibliothek) und einen radikalen Neuanfang zu wagen, der aber vielleicht so radikal und neu gar nicht ist.</p>
</div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><h2 id="gudrun-lerchbaum-das-giftige-gl-ck-haymon-2022-">Gudrun Lerchbaum – Das giftige Glück (Haymon, 2022)</h2>
<p>Wird die Mykologie uns retten und unser Untergang? Pilze beherrschen die Welt und werden die Menschheit wohl überleben. Umgekehrt gilt das nicht unbedingt, jedenfalls schonmal nicht für die Schimmelkulturen, welche in Gudrun Lerchbaums schönen, kleinen, morbiden Gesellschaftsthriller den Wiener Bärlauch befallen. Dessen Sporen sind nicht nur zuverlässig tödlich, sie bescheren zudem den ultimativen Trip, ein Sterben an einer Überdosis Glückseligkeit. Eine tolle neue Exit-Option also für die unheilbar Kranken, für die Dementen und Lebensmüden? Oder eine einfache Einstiegsdroge für potentielle Mörder und Racheengel? </p>
<p>Ganz so einfach ist es aber in keinem der Fälle. Weder geht der simple Plan für die an MS im Endstadium erkrankte Olga auf, noch für ihre Pflegerin Kiki, die den Stoff besorgen soll. Und Jasse/Jasmin, ein vernachlässigter wütender Teenager, der Kiki neben und zwischen traumatisierten Gartenarbeiter:innen, zornigen Wachmännern, aufgebrachten Umweltschützer:innen, Schimmelleugner:innen und Deep-StateVerschwörer:innen im Park beim Bärlauchpflücken begegnet, hat noch nicht mal einen konkreten Plan mit dem „Viennese Weed“. So kommt es erwartbar anders als gedacht, das giftige Glück findet ganz andere Ziele. Was aus der Konstellation dann hervorgeht, ist eine fragile Solidargemeinschaft einer Handvoll Beschädigter, die mit den unerwarteten mykologischen Möglichkeiten einen neuen Weg des Umgangs mit dem Tod finden. Das ist dann schon eine sehr Wienerische (also in aller Morbidität immer unterhaltsame und mitunter lehrreiche) Weise, mit dem Tode zum Leben zu kommen.</p>
</div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><h2 id="molly-mcghee-jonathan-abernathy-you-are-kind-satra-house-2023-">Molly McGhee – Jonathan Abernathy You Are Kind (Satra House, 2023)</h2>
<p>Die Zukunft gehört den Weirden. Oder wie anders ist es zu erklären, dass ausgerechnet die Generation der weltuntergangsgestimmten jungen Erwachsenen, zu denen Molly McGhee wohl noch zählen darf, eine so zarte wie menschenfreundliche und gänzlich unapokalyptisch daherkommende Zukunftsvision wie den Jonathan Abernathy hervorbringt? Im Debüt der in New York lehrenden und lebenden McGhee findet die Titelfigur – selbsterklärter Verlierer und gebeutelt von elterlichen Kreditkartenüberziehungen, „for profit“-universitären „Student Loan“-Zinseszinsen, die sich zu mittleren sechsstelligen Beträgen angehäuft haben – einen Weg aus einer Schuldendepression, die derart niederdrückt, dass er gar nicht erst versucht, eine Arbeit, eine Beziehung oder überhaupt ein selbstbestimmtes Leben anzufangen. </p>
<p>Es kommt in der Form eines halbstaatlich outgesourcten Jobangebots, das er nur zu freudig ergreift, und erst viel später erfährt, dass praktisch alle anderen mit dieser Berufsbeschreibung in den Job gezwungen wurden, oder ein Angebot bekamen, dass sie nicht ablehnen konnten, etwa als Kompensation oder Ersatz für eine Gefängnisstrafe. Dabei klingt es recht harmlos. Als Auditor soll er die Träume gestresster Büromenschen verfolgen und Anomalien detektieren, die auf produktivitätsrelevante Syndrome wie Depressionen oder posttraumatische Belastungsstörungen hinweisen. Mit der Option, später einmal dann zum Editor oder Kurator der Träume zu werden, die Traumata herauszuoperieren und den Menschen in nächtlicher Fremd-Selbstoptimierung einen erholsamen Schlaf und einen produktiven Arbeitstag zu ermöglichen – und sich selbst einen Daseinssinn und eine Aufgabe, vom behäbig dröppelnden Schuldenerlass mal abgesehen. </p>
<p>Auch klar, dass dieser offensiv naive Hans-im-Glück, der hier als einziger quasi freiwillig in die Traumwelten anderer tapert, damit in der Firma etwas auslöst. In gewisser Weise ist also auch der Jonathan Abernathy mal wieder eine Aktualisierung von Märchen, Mythen und Klassikern, wie sie seit geraumer Zeit trenden. Mehr noch ist er aber eine eher freundlich gestimmte, schnurrige Satire der spezifisch US-amerikanischen Bürokratie, des „Utopia der Regeln“, wie David Graeber sie nannte, eine mild-wilde Groteske mit einem Coming-Of-Age in Selbstaufgabe als Selbstverwirklichung. Traumarbeit im psychologischen wie im wörtlichen Sinn. Sogar beinahe ein Traumjob für einen, dessen größte Tugenden das Nichtserwarten, Nichtswollen und Nichtsbekommen sind. </p>
<p>Dieser Jonathan Abernathy ist einerseits extrem eigenwillig und nach innen gerichtet exzentrisch, wie Pessoas Hilfsbuchhalter Bernardo Soares oder Melvilles Bartleby, andererseits von einer unerschütterlich robusten Normalität, in zunehmend absurder werdenden Umständen also durchaus funktional. Im Lichte dieses sehr späten Spätkapitalismus, der hier spekuliert wird, also definitiv vernünftig.</p>
</div></div></div></div></div></section>]]></content><author><name> </name></author><author><name> </name></author></entry><entry><published>2025-08-20T07:06:43.250Z</published><updated>2025-08-20T07:06:43.250Z</updated><link href="/kultur/kunst-ist-nicht-dekorativ-laurens-von-oswald-vom-berlin-atonal-im-interview" rel="alternate"></link><id>/kultur/kunst-ist-nicht-dekorativ-laurens-von-oswald-vom-berlin-atonal-im-interview</id><title>„Kunst ist nicht dekorativ: Sie kann Verbindungen schaffen.“ - Laurens von Oswald vom Berlin Atonal im Interview</title><content type="html"><![CDATA[<img src="http://static.dasfilter.com/images/2025/8/19/berlin-atonal-festival-2023-atmo-aus-dem-kraftwerk-berlin-x.jpg" alt="Berlin Atonal Festival 2023 Atmo aus dem Kraftwerk Berlin"/><p>Das Festival Berlin Atonal steht für die geballte Kraft der experimentellen elektronischen Musik. Die diesjährige Ausgabe findet vom 27. bis zum 31. August statt. Mit rund 100 Konzerten, Perfomances, DJ-Sets und künstlerischen Interventionen ist Berlin Atonal nicht nur für Musikfans ein wichtiger Termin, sondern auch Beweis dafür, dass Berlin nach wie vor ein kultureller Leuchtturm abseits des Mainstreams ist. Wir haben im Vorfeld mit Laurens von Oswald gesprochen, der das Festival gemeinsam mit seinem Team seit 2013 betreut.</p>
<section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p>1982 fand das Berlin Atonal erstmals statt. Im Laissez-faire der Westberliner Schwebe brachte Dimitri Hegemann Musik und Musiker:innen auf die Bühne, bündelte deren Ideen und stellte sie zur Disposition. Die Mauerstadt bebte schon lange im DIY-Modus, mehr Aufmerksamkeit, mehr Internationalität war dringend nötig, um die durchsubventionierte Insel zu durchlüften. Nach dem Fall der Mauer und der Ankunft von Techno war Schluss. Hegemann eröffnete den Tresor, das Festival wurde auf Eis gelegt.</p>
<p>Seit 2013 ist das Berlin Atonal wieder zurück – mit neuem Team und einem musikalischen Konzept, das die zeitgenössische elektronische Musik in all ihren Facetten abbildet. Heimat des Festivals ist das Kraftwerk an der Köpenicker Straße, wo seit vielen Jahren auch der Tresor beheimatet ist. An der Spitze dieses Teams steht Laurens von Oswald. Er hat auch die 2025er-Ausgabe mit kuratiert. Das Line-up reicht von DJ-Sets von Calibre, Mala, Pinch, Skee Mask und Laurens’ Onkel Moritz von Oswald bis zu Konzerten und Performances von Amnesia Scanner, Emptyset, Merzbow, <a href="/sounds/plattenkritik-purelink-faith-peak-oil-leichtfuessige-eleganz">Purelink</a>, <a href="/sounds/plattenkritik-niecy-blues-exit-simulation-kranky-nachrichten-aus-einer-anderen-viel-zu-vertrauten-welt">Niecy Blues</a> und John T. Gast. Fünf Tage lang folgt Highlight auf Highlight der elektronischen Musik, die nicht auf den mainstreamigen Dancefloor passt, und doch die Beats und Sounds der Zukunft abbildet. </p>
<p>Im Interview erklärt Laurens von Oswald, worum es ihm beim Berlin Atonal geht. Für was das Festival steht und für was nicht. Wie sich das alles rechnet und warum die Stadt Berlin die Kulturförderung neu ausrichten sollte. Dass das Festival nur noch alle zwei Jahre stattfindet, sollte allen zu denken geben.</p>
</div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p><strong>Berlin Atonal hat als Festival Westberlin in den 1980er-Jahren geprägt – wenn natürlich auch in aller Bescheidenheit. 2013 kam dann der Neustart. Mit dir. Warum eigentlich?</strong><br>Das war wirklich Zufall. Ich lernte Dimitri Hegemann kennen, der das Festival initiiert hatte. In dieser Zeit half ich meinem Onkel (Moritz von Oswald) im Studio und absolvierte ein Praktikum in der Booking-Agentur des Berghains. Dimitri zeigte mir das Kraftwerk. Das war 2012, ich war 23 Jahre alt. Das Kraftwerk war zu diesem Zeitpunkt halbwegs spielbereit. Dimitri fragte mich, ob ich Lust hätte, das Festival dort wieder zu beleben. Ich hatte keinerlei Erfahrungen in diesem Bereich, habe mich dann aber darauf eingelassen. Ohne wirkliche Vision, was wir machen wollten und wie sich der Ort bespielen lässt. Natürlich ging so ziemlich alles schief. Es war nicht durchdacht. Weil wir bestehende Formate in den Räumen umsetzen wollten. Wir machten aber weiter – unabhängig, mit Dimitris Segen. Stellten ein Team zusammen und machten uns Gedanken, was im Kraftwerk wirklich funktioniert, wie wir den Space nutzen können und wie er zur Leinwand für die unterschiedlichsten Arten von Kunst werden kann.</p>
</div></div></div></div><div class="content-entity content-text inside-left "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><blockquote>
<p>„Am Anfang steht immer die Frage: Was wollen wir beim Atonal begegnen? Und wie?“</p>
</blockquote>
</div></div></div></div><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p><strong>Wie bedingt sich der Raum und die Musik? Und wo beginnt für euch das kuratorische Moment? Der Raum ist mächtig, dadurch aber auch klar gefärbt.</strong><br>Die Kuration beginnt tatsächlich auch mit dem Raum selbst. Dort gibt keinerlei Infrastruktur, keine Bühne, keine PA. Er lässt sich also mehr oder weniger frei bespielen. Das hat für uns Konsequenzen, die sich nicht nur um das Booking als solches drehen, sondern auch das Festival-Phänomen in den Blick nehmen. Worum geht es bei Festivals? Auch immer reflektierend, was gerade in der Welt passiert. Dass wir mit Veranstaltungen wie dem Tomorrowland nichts gemein haben, ist klar. Aber selbst zum Dekmantel, wo die Bedeutung der zeitgenössischen elektronischen Musik ja verstanden wird, gibt es große Unterschiede. Am Anfang steht immer die Frage: Was wollen wir beim Atonal begegnen? Und wie? Wie können wir Kunst erlebbar machen abseits der Standards, die man ständig erleben kann, auf einem regulären Konzert an einem normalen Donnerstagabend. Das Kraftwerk bietet diese Möglichkeiten. Wir können andere Dinge anbieten, ganz anders mit den Künstler:innen in den Dialog treten. So können angedachte Projekte entweder realistisch kleiner werden oder eben noch größer. In der elektronischen Musik hat sich in den vergangenen Jahr im Performativen ja auch viel verändert: das klassische Laptop-Konzert zum Beispiel ist passé. Wir stellen bei der Kuration nicht nur die Frage nach dem Format der Performance, sondern auch nach dem Anschluss, nach Schnittmengen. Wie das in die Kunstwelt passt, zum Beispiel. Wie können wir Musik mit anderen Kunstformen kontrastieren oder zusammenbringen, also den Raum gestalten? Das Vertrauen, das uns dabei sowohl von den Künstler:innen als auch vom Publikum entgegengebracht wird, hilft uns natürlich.</p>
</div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p><strong>Wird diese Verzahnung vom Publikum wirklich angenommen, also wirklich gewertschätzt? Das Berlin Atonal läuft fünf Tage, das musikalische Angebot ist riesig. Bleibt da Zeit, nach links und rechts zu schauen?</strong><br>Es geht um Aufmerksamkeit. Dieser Begriff ist wichtig. Tatsächlich sind ja Arten und Weisen, wie wir Kunst – damit meine ich alle Gewerke – wahrnehmen und konsumieren mehr oder weniger etabliert: von der Galerie bis zum Konzert. Für Konzerte kommen Menschen an einen bestimmten Ort, die Veranstaltungen haben einen Beginn und ein Ende. Bei anderen Kunstformen – zum Beispiel in einer Galerie – läuft es anders ab. Man kommt, geht wieder, kommt vielleicht wieder zurück. Ich finde es spannend, diese Ansätze zu verbinden. Kontexte zusammenzubringen, bestimmte Dinge im anderen Rahmen zu präsentieren. Und dann ist da natürlich noch die Nacht. Als zeitlicher Bereich ist die traditionell sehr wichtig, wenn es um Kreativität und sozialen Austausch geht. Ich finde aber, dass diese Idee nicht mehr diese exponierte Rolle spielt. Was in den Clubs passiert, ist mehr oder weniger überall gleich. Alles ist formatiert, man findet sich sofort zurecht. Das wollen wir anders machen. Was kann nach dem Konzert passieren? Welche Arten des hybriden Gemeinsamen sind vorstellbar? Und wie wirkt sich das auf die Arbeiten der Künstler:innen aus? Das interessiert uns: die Reibung, der Widerspruch. Da geht es nicht nur ums Tanzen.</p>
</div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p><strong>Gesteuerte Balance.</strong><br>Dabei geht es um den Kontext, die Art der Präsentation. Bei vielen Künstler:innen ist genau das Teil ihres Selbstverständnisses. Die wollen gar nicht immer das selbe machen. Ich beziehe mich dabei nicht ausschließlich auf Musiker:innen. Strukturen hinter sich lassen, die bestimmte und etablierte Modalitäten besetzen, das ist die Idee. Ich verstehe das Festival als eine Art von temporärem Container, in dem sich Dinge entfalten können. Das fühlt sich für jede Person anders an. Muss es auch und soll es auch. Das ist ja die Idee der Nacht. Die bei uns tatsächlich auch anders gelebt wird. Beim Atonal findet alles in einem Gebäudekomplex statt. Unterschiedliche Räume ergeben ein Ganzes. Von der großen Hallen über Tresor und Globus bis zum Ohm. Das Dazwischen ist interessant, und bietet viele Möglichkeiten, die andere Festivals, die an unterschiedlichen Locations stattfinden, nicht haben. Das ist fordernd für das Publikum und erfordert auch die Bereitschaft, sich darauf einzulassen. Aber Kunst ist eben nicht dekorativ. Sie kann Verbindungen schaffen.</p>
</div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p><strong>Das hat aber auch seinen Preis.</strong><br>Total. Mir ist bewusst, dass die Tickets nicht günstig sind. Es ist eine Herausforderung, unseren Anspruch abzubilden und umzusetzen. 10.000 Menschen haben im Kraftwerk einfach keinen Platz, wir müssen penibel darauf achten, dass alles beherrschbar bleibt. Was die Ticketverkäufe angeht, haben wir das Maximum erreicht. Wir können dort nicht weiter wachsen. Das ist auch gut so. Nicht gut ist hingegen, dass das Line-up unter diesen Bedingungen eigentlich nicht finanzierbar ist, auch nicht für die 250 €, die der Festival-Pass kostet. Ich würde mir schon sehr gut überlegen, so viel Geld für eine Veranstaltung auszugeben. Das Land Berlin unterstützt uns, wir haben aber von der Kulturstiftung des Bundes deutlich mehr Geld bekommen, obwohl ein Festival wie unseres eigentlich gar nicht in die Förderbedingungen passt. </p>
<p>Ich bin ja nach wie vor davon überzeugt, dass unsere Veranstaltung nur in Berlin stattfinden kann. Der Raum ist einzigartig und nicht in den Händen von geldgierigen Menschen. Und natürlich sind auch viele Künstler:innen in der Stadt. Immer noch, muss man leider sagen, denn die Rahmenbedingungen haben sich ja dramatisch verändert. Berlin kümmert sich auf dem Weg zur Metropole nicht um das Besondere der Stadt. Das ist nicht das Überangebot an institutionellen Kultureinrichtungen. Was wunderbar ist, aber nicht das Alleinstellungsmerkmal Berlins: die Subkultur.</p>
<blockquote>
<p>Der Raum für Experimente wird kleiner. Das macht mir Sorgen, gerade weil die Stadt mit der Subkultur ja wirbt.</p>
</blockquote>
<p>Wir haben uns entschieden, auf einen zweijährlichen Rhythmus zu wechseln. Das gibt uns mehr Möglichkeiten zur Planung, aber auch, den transitären Charakter Berlins genau zu beobachten, der in der Kulturszene eine wichtige Rolle spielt. Das bedeutet nicht, dass wir in den Off-Jahren nicht aktiv sind. Aber ich empfinde es als wichtig, auch unser Format immer wieder zu hinterfragen und nicht die gesamte Energie darauf zu verwenden, nach dem Festival sofort und ausschließlich die nächste Ausgabe zu planen.</p>
<p><strong>In der Berliner Subkultur gab es die geförderte Sicherheit ja ohnehin nie. Gehörte auch nie zum Selbstverständnis, eher im Gegenteil.</strong><br>Das stimmt. Beweglichkeit muss Teil unseres Konzepts sein. Und passt auch in die Geschichte Berlins. Das kann auch motivierend sein. Wir möchten Leuchtturm sein und das, was Berlin ausmacht zusammenführen und erfahrbar machen. Mit dieser Idee sind wir natürlich nicht die Einzigen, sie ist aber wichtig. Denn die Welt hat immer noch einen besonderen Blick auf die Stadt. Aus guten Gründen: Ich wünsche mir, dass die Kultur, die wir präsentieren und kuratieren, gewertschätzt wird, dass die Strahlkraft erkannt wird. Die Wirkmacht zeigt sich ja exemplarisch, wenn Events in kleineren Städten stattfinden, wo sich Dinge nicht so versenden wie im großen Berliner Angebot. Das Fehlen von Strukturen hat so viel Power. Und das ist auch die Geschichte von Berlin. Wir dürfen nicht aus den Augen verlieren, die Welt ein bisschen auf den Kopf zu stellen.</p>
</div></div></div></div><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p><em>Berlin Atonal, 27. bis 31. August, Kraftwerk Berlin. <a href="https://berlin-atonal.com">Line-up</a></em></p>
</div></div></div></div></div></section>]]></content><author><name> </name></author></entry><entry><published>2025-08-13T06:29:12.217Z</published><updated>2025-08-13T06:29:12.217Z</updated><link href="/kultur/ich-lerne-auf-diesem-festival-unkompliziert-leute-kennen-die-meine-eltern-sein-koennten-konstantin-udert-ueber-das-detect-classic-festival-auf-dem-auch-geravt-wird" rel="alternate"></link><id>/kultur/ich-lerne-auf-diesem-festival-unkompliziert-leute-kennen-die-meine-eltern-sein-koennten-konstantin-udert-ueber-das-detect-classic-festival-auf-dem-auch-geravt-wird</id><title>„Ich lerne auf diesem Festival unkompliziert Leute kennen, die meine Eltern sein könnten“ - Konstantin Udert über das Detect Classic Festival (auf dem auch geravt wird)</title><content type="html"><![CDATA[<img src="http://static.dasfilter.com/images/2025/8/12/konstantin-udert-x.jpg" alt="Konstantin Udert"/><p>Pioneers und Posaunen, Kulturbeflissene, Feiernasen und Familien, analog und digital, man könnte noch viele Gegensatzpaare bilden, um das Detect Classic Festival zu beschreiben. Vor allem aber ist eines wichtig: Sie harmonieren, finden zusammen, mischen sich und sorgen für eine ganz besondere Atmosphäre. Gestartet 2018 im Funkhaus in der Berliner Nalepastraße, ist es auf Umwegen über Neubrandenburg plus einer Pandemiepause seit 2022 auf Schloss Bröllin nahe Pasewalk gelandet. Im vierten Jahr dort zeigt sich Geschäftsführer Konstantin Udert, selbst studierter Posaunist, früher Musiker in der „jungen norddeutschen philharmonie“ (jnp) und hauptberuflich Personalvermittler im Kulturbereich, sehr glücklich – und hat sich vor Ort die Zeit genommen, uns zu erklären, wie Detect funktioniert und was es so besonders macht.</p>
<section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p><strong>Wie kam es dazu, dass es neben Klassik und Neuer Musik auch zum Beispiel Techno auf dem Detect gibt? Das ist ja schon eine besondere Kombination.</strong><br>Das Kollektiv, das hier auf dem Festival den Flora-Floor betreibt, hatte schon viele Erfahrungen mit Raves. Denen wurde der reine Ravecharakter irgendwann langweilig und sie haben begonnen, klassische Musik einzubringen. Wir haben zur richtigen Zeit zueinander gefunden und erkannt, dass wir uns ergänzen. Der Link war das Stegreif-Orchester: Einige Musiker:innen, die vorher bei der jnp waren, hatten mit dem Kollektiv schon zusammengearbeitet. So kamen wir zueinander und so ging es los. </p>
<p><strong>Auf der einen Seite Leute, die klassisch ausgebildet und im etablierten Kulturbetrieb tätig sind, auf der anderen Seite Leute, die Partys machen. Klingt wild.</strong><br>Am Anfang, 2018, war alles etwas schwierig, weil es so unterschiedliche Codes und Erwartungshaltungen gab. Trotzdem haben wir diese Veranstaltung im Funkhaus irgendwie überlebt (lacht). Es hat vieles gut geklappt, vieles aber auch nicht, das muss man so sagen. Wir haben festgestellt, dass wir raus müssen aus Berlin. </p>
<p><strong>Warum?</strong><br>Wir hatten einfach nicht das Commitment des Publikums, drei Tage auf dem Gelände zu verbringen. Es war ein Kommen und Gehen, weil man in Berlin eben immer noch andere Termine hat. Erst waren wir dann in Neubrandenburg. Der dortige Bürgermeister hat uns unterstützt, die Verwaltung allerdings nicht so, wie wir es gebraucht hätten. Wir mussten dann auch umziehen (vom RWN-Gelände in Neubrandenburg auf den Flugplatz Trollenhagen 2021, pandemiebedingt fiel 2020 aus, Anm. d. Red.). Mit dem Rückenwind des Bürgermeisters hatten wir jedoch sehr gute Karten, um die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern als Partner zu gewinnen. Mit deren Marke haben wir viel Glaubwürdigkeit in der Klassikwelt erreicht und konnten deren bestehendes Publikum ansprechen. Das ist unser authentischer Hintergrund, bestehend aus einer Festival-, Rave- und Subkultur mit seinen kollektiven Organisationsstrukturen und der Klassikwelt der Festspiele. Die Festspiele wickeln bis zu 180 Konzerte in einem Sommer ab, die Veranstaltungsorganisation mit Geschäftsführung, Teamleitung und Vermarktung läuft ganz anders ab als die Prozesse, die in Kollektiven erarbeitet werden. Da haben wir unglaublich viel lernen müssen. Es war ein großes Glück, dass wir dieses Gelände hier gefunden haben und vom Verein aufgenommen wurden. Wir sind jetzt das vierte Mal hier und mit jedem Mal wird es einfacher. Das Vertrauen ist total gewachsen, es ist eine gemeinsame Veranstaltung geworden.</p>
</div></div></div></div></div></section><section class="content-section twoway"><div class="groups"><div class="group top"></div><div class="group top"></div></div></section><section class="content-section twoway"><div class="groups"><div class="group top"></div><div class="group top"></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p><strong>Das Schloss Bröllin ist ein fast 800 Jahre alter Gutshof bzw. ein Rittergut. Der hier ansässige Verein betreibt das Gelände, Kunst- und Kulturschaffende arbeiten und leben hier. Es finden Events statt, aber zuvor kein Festival mit jetzt 1.500 Leuten.</strong><br>Der Verein ist groß und vielstimmig, was Entscheidungen manchmal zieht, aber: Das Projekt wird vom gesamten Verein getragen. Das ist ein Geschenk für uns, zumal viele Leute aus dem Dorf Mitglied sind, dadurch können wir zum Beispiel die Fläche über das Gelände hinaus nutzen, um dort den Campingplatz zu machen. </p>
<p><strong>Wie habt ihr sie ins Boot geholt?</strong><br>Wir haben vorher eine Infoveranstaltung durchgeführt, eine Vorab-Begehung gemacht, Bedenken aufgenommen. Die Nachbarn sind in das Festivalgeschehen eingebunden. Sie betreiben die „Brölin-Bar“ selbst und natürlich kommen die Anwohner kostenlos rein. </p>
<p><strong>Ihr arbeitet, wie schon gesagt, mit verschiedenen Kollektiven zusammen, die die verschiedenen Floors betreiben.</strong><br>Sie bekommen ein festes Deko-Budget und den Freiraum, damit das zu machen, was sie für richtig halten. Wir stecken vorher ab, was wir inhaltlich auf dem jeweiligen Floor vorhaben, aber ins Gestaltungskonzept reden wir nicht rein. Und weil eine Floor-Bar vielleicht besser läuft als eine andere, kommt alles in eine Kasse und wird am Ende fair verteilt.</p>
</div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p><strong>Anders als die meisten Festivals werdet ihr ja gefördert.</strong><br>Die Entwicklung hier war nur möglich, weil wir mehrfach das Glück hatten, Geld vom Bund zu erhalten, seit wir mit den Festspielen zusammenarbeiten. Drei Jahre und dann nochmal drei, weil die Kulturstiftung des Bundes uns in einem Förderprogramm dabei haben wollte. Im Jahr dazwischen hat uns das Land ausgeholfen, wir haben es mit der Aussicht auf die Bundesförderung motivieren können. 2022 blieben wir in den Gästezahlen weit unter dem, was wir uns vorgenommen. In dem Jahr ging es allen Veranstaltungen schlecht. Seitdem aber haben wir das Wachstum, das wir brauchen und bewältigen können. Das gibt uns die Zuversicht, auch mit weniger Fördergeld – es wird realistisch betrachtet nicht immer so viel sein – klar zu kommen. Die Kulturstiftung gibt aktuell, auf drei Jahre bis 2026 verteilt, jährlich 136.000 Euro rein. </p>
<p><strong>Und wie hoch ist das Gesamtbudget?</strong><br>350.000 Euro. Dazu muss man sagen: Ganz viele Dinge hier kann man gar nicht bezahlen. Wir haben insgesamt 190 Crewmitglieder, viele als Teil eines der Kollektive. Die nehmen sich bis zu zwei Wochen Zeit, um vorher auf- und nachher abzubauen oder um im Vorfeld die Planung und das Gestaltungskonzept zu machen. Hier stehen Leute auf dem Gelände, die, als Erholung von ihrem Hauptjob, stundenlang Efeu an eine Traverse tüddeln. Wenn man anfinge, darüber nachzudenken, ob man das mit dem Honorar abbilden kann, das man hier bekommt, hätten wir schon verloren, weil wir dann so viele Dinge effizienter machen müssten. Die entscheidende Wertschätzungswährung für uns ist das Backstage-Catering, die Leute kommen hierher und sind rundum versorgt. Auf der anderen Seite haben wir natürlich einen professionellen Technikdienstleister, dem wir seine Rechnung bezahlen. Dafür dürfen wir die Erwartung haben, und die wird immer 1A eingelöst, dass die Künstler:innen alles haben, was sie brauchen. Wir sind auch ein kuratiertes Festival mit einer künstlerisch überregionalen Relevanz. </p>
<p><strong>Das merkt man sowohl im Programm als auch in Details, die von Audiophilie zeugen, wie der sehr guten Akustik auf den Floors wie in den Räumen.</strong><br>Es gibt Festivals, bei denen die Konsumorientierung stärker im Vordergrund steht. Uns geht es wirklich um die Musik, sie bringt die sehr unterschiedlichen Gäste zusammen. Solche, die über die Festspiele bei uns gelandet sind, die elektronische Szene und solche, die gar nicht wissen, was sie erwartet, die aber gehört haben, dass man hier Dinge entdecken kann. Umso wichtiger ist es, dass der musikalische Kern stimmt.</p>
</div></div></div></div></div></section><section class="content-section twoway"><div class="groups"><div class="group top"></div><div class="group top"></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p><strong>Das Thema dieses Jahres ist „the meaning of live“. Erklär doch mal bitte.</strong><br>Wie entdecke ich neue Musik? Es gab mal das Versprechen, dass Spotify etwas ganz Tolles ist. Passiert ist, dass Künstler:innen kein Geld damit verdienen, aber auch, dass immer mehr KI- und Fakeartists geplaylistet sind und es offensichtlich viele Leute nicht stört, dass es so ist …</p>
<p><strong>… man muss den Fake ja auch erst einmal erkennen, wenn die Musik so durchläuft …</strong><br>… und die Gegenbewegung ist menschengemachte Musik, das Ergebnis kreativer Prozesse. Welche Bedeutung hat es eigentlich noch, dass sie sich jemand ausgedacht hat und sie live spielt? Das ist der zeitgenössische Kontext, finde ich. Wir wollen bewusst ein Programm schaffen für Leute, denen der Schaffensprozess wichtig ist. Der eine kommt vielleicht aus einem bürgerlich-klassisch geprägten Kontext, der andere aus einer ganz anderen Richtung. Die Musik führt sie zusammen. Ich lerne auf dem Festival unkompliziert Leute kennen, die meine Eltern sein könnten. Diese Begegnung kann eine KI nicht schaffen. Auch eine Interpretation von Live. </p>
<p><strong>Vielen Dank, Konstantin.</strong></p>
</div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"></div><div class="caption-outer"><div class="caption-inner"><div><p>Das nächste Detect Classic Festival findet vom 7. bis 9. August 2026 statt. <a href="https://detectclassic.com/festival">Mehr Infos zum Festival hier</a>.</p>
</div></div></div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"></div></section>]]></content><author><name> </name></author></entry><entry><published>2025-08-07T07:59:39.205Z</published><updated>2025-08-07T07:59:39.205Z</updated><link href="/kultur/zehn-jahre-apple-music-hat-sich-der-mehrwert-versendet" rel="alternate"></link><id>/kultur/zehn-jahre-apple-music-hat-sich-der-mehrwert-versendet</id><title>Zehn Jahre Apple Music - Hat sich der Mehrwert versendet?</title><content type="html"><![CDATA[<img src="http://static.dasfilter.com/images/2025/8/6/10-jahre-apple-music-banner-das-berliner-apple-music-studio-x.jpg" alt="10 Jahre Apple Music Banner Das Berliner Apple Music Studio"/><p>Vor zehn Jahren startete Apple das hauseigene Musikstreaming. Seitdem hat sich Apple Music zu einem wichtigen Player in diesem Geschäft entwickelt. Von Anfang an ging es bei Apple aber nicht nur um das Streaming per se: Mit eigenem Radiosender, Musikvideos und weiteren Angeboten sollte Alleinstellung und Mehrwert den Dienst für Kund:innen attraktiv machen. Mittlerweile gibt es auch vermehrt Angebote für den deutschsprachigen Raum. Ist das relevant oder versendet sich der multimediale Content?</p>
<section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><p>Wie bei so vielen Dingen war Apple ein bisschen spät dran, als mit Apple Music im Juni 2015 der eigene Musikstreaming-Dienst online ging. Mit iTunes hatte man sich in Cupertino ein eigenes Imperium aufgebaut, es wurde gechillt. Und übersehen, dass das Kaufen von MP3s nicht mehr dem Zeitgeist entsprach. Festplatten und iPods mit Dateien „vollzumüllen“, war von gestern. Einfach hören, also streamen, vielleicht mal ein paar Alben offline speichern, war die Devise. Also <a href="/technik-wissen/bericht-apple-kauft-beats-audio-neeeeeeeiiiiiiiiiiiiinnnnnnnnnnn">shoppte man sich Beats</a>. Das Kopfhörer-Geschäft von Dr. Dre brachte Know-how für die eigene Audio-Abteilung, vor allem aber zwei Dinge nach Cupertino: den Beats-Streaming-Dienst mit Software, Apps, Lizenzen und Content einerseits, und andererseits mit dem Management weitere Kontakte in die Musikindustrie. Nach <a href="/internet/indie-labels-laufen-sturm-gegen-apple-music-ein-offener-brief-und-keine-alternativen">initialer Aufregung</a> zeigte sich Apple Music als verlässlicher Streaming-Dienst. Die einen hassten die App, die anderen kamen gut damit klar, die einen vermissten dies, die anderen feierten das – wie es eben so ist bei einem Service, den man bei unterschiedlichen Anbieter:innen buchen kann. </p>
<p>Aber das 2015 fast schon traditionell wirkende Streaming war Apple nicht genug. Von Anfang an wollte man Mehrwert bieten. Mit Playlists, die von Menschen und nicht von Algorithmen zusammengestellt und gepflegt wurden, aber auch mit Beats 1 (heute Apple Music 1), einem 24/7-Radiosender mit echten Menschen als Moderator:innen. Kostenlos zu hören, also auch für die, die das Streaming auch weiterhin nicht bei Apple buchen wollten. Das war schon frischwindig und auch durchaus überzeugend. L.A. als Stützpunkt für den Mainstream mit Zane Lowe, New York als HipHop-Metropole mit Ebro Darden, London für alles dazwischen, mit u.a. Matt Wilkinson, den dieses Magazin 2019 vor Ort <a href="/kultur/inside-apple-music-exklusiv-vier-jahre-streaming-interview-mit-oliver-schusser-dem-musik-chef-von-apple-und-besuch-bei-beats1">besuchte</a>. Dazu kamen Sendungen, die von Künstler:innen moderiert werden. Einige davon schwimmen souverän auf der Radio-Welle (Elton John, nach wie vor!), andere verstehen ihre Shows eher als Mixtape und halten mit den Geschichten, die sie erzählen <em>könnten</em>, hinter den Berg (Brian Eno). Und wieder andere, zum Beispiel ganz aktuell <a href="/tags/max-richter">Max Richter</a>, leiten uns mit leiser Stimme und guter Selection durch musikalische Themen und Assoziationen. Und: <a href="/sounds/ueberwaeltigt-sein-ist-keine-loesung-beats-in-space-radio-dj-tim-sweeney-im-interview">Tim Sweeney</a> ist auch immer noch dabei – und stabil.</p>
<h2 id="der-stream-der-berforderung">Der Stream der Überforderung</h2>
<p>Seit einigen Jahren arbeitet Apple verstärkt daran, dieses Radioangebot auszubauen. Sechs Sender laufen aktuell nebenher: neben Apple Music 1 auch noch Apple Music Hits, Apple Music Country, Apple Música Uno, Apple Music Club und Apple Music Chill. Studios gibt es mittlerweile auch in Nashville, Tokyo, Paris und Berlin, weitere sollen folgen. Üppig produzierte Videos bzw. Videointerviews ergänzen das Angebot – auch deutschsprachig.</p>
<p>So ein Angebot ist natürlich kein Hexenwerk. Bei NTS hat jeder Grashalm seine eigene Residency, wenn sein Tänzeln im Wind mit einem originalen WW2-Mikro aufgenommen wurde. Refuge Worldwide, Cashmere, Rovr senden Show um Show. Entweder man findet seine Nische oder es versendet sich. Und genau das scheint bei Apple der Fall zu sein. Das Angebot ist mächtig, oft aber undurchschaubar. Wann welche Show läuft, lässt sich zwar recherchieren, wird aber nicht klar oder zumindest nicht klar genug kommuniziert. Dass man sich in Cupertino offenbar nie darüber Gedanken gemacht hat, einen klar strukturierten und über Zeitzonen hinweg transparenten Sendeplan zugänglich zu machen, ist schon absurd. Widerspricht einerseits dem Mantra des Unternehmens, dass Musik ein integraler Bestandteil des eigenen Selbstverständnisses sei und ja ohnehin alle Produkte das Leben der Menschen besser machen sollen – und legt andererseits die Schlussfolgerung nahe, dass man eben doch lieber ein Abo verkaufen möchte, mit dem es auch Zugriff auf das Archiv zum Nachhören gibt. Fair enough, aber selbst dann verschwindet Content einfach im App-Gewusel – und wird schließlich vergessen. Die Trennung zwischen Show, Playlist, Interview und DJ-Set ist unscharf, die Präsentation in der App folgt keinem nachvollziehbarem Muster. Schade eigentlich. Ein Seepferdchen-Abzeichen reicht nicht, um diesen Radio-Ozean zu durchqueren.</p>
</div></div></div></div></div></section><section class="content-section oneway"><div class="group top"><div class="content-entity content-text default "><div class="content-outer"><div class="content-inner"><div class="content"><h2 id="berlin-calling">Berlin calling</h2>
<p>Vielleicht ist das aber auch alles nur der Wahrnehmung des Autoren geschuldet. Vielleicht erträgt er einfach den zeitgenössischen Diskurs der popkulturellen Gegenwart nicht, will nichts wissen über vermeintliche Shooting Stars einer untergehenden Welt.</p>
<p>Neulich, da trafen sich ein paar Journalist:innen im Berliner Keller von Apple Music, um, naja, zu hören, was es so zu berichten gibt zum 10-jährigen Jubiläum. Oliver Schusser, Apples Music-Chef, war da und Aria Nejati, der „Head of HipHop“ bei Apple Deutschland, der mit seinem Talkshow-Format „HYPE(D) Zeitgeist“ (da hatte eine Person im Marketing eine <em>richtig</em> gute Zeit bei der Namensfindung) ordentlich für Furore sorgt. Der sagt Sätze wie: <em>„Unsere Formate stehen für echten Musikjournalismus und starke redaktionelle Arbeit. Formate, die Künstler groß machen, Trends setzen und die Kultur hier vor Ort prägen.“</em> </p>
<p>Stimmt halt nicht so richtig.</p>
<p>Denn was auffällt – national wie international –, ist, dass bei Apple Music 1 gerne gekuschelt wird. Es ist mehr als begrüßenswert, dass Künstler:innen in länglichen Interviews porträtiert werden. Und dass die Moderator:innen zuhören. Zuhören ist eine große Tugend, aber eben nicht alles. Distanz und vor allem eigene Fragen, nicht das Entlanghangeln am Infozettel zur neuen Veröffentlichung, macht die Qualität aus. Freundschaftlicher Umgang ist kein Problem, regelmäßiges Rekurrieren auf die gute und lange Bekanntschaft hingegen lässt die journalistische Perspektive unscharf werden. Ein solcher Interviewstil zahlt ein auf den Halbsatz <em>„Formate, die Künstler groß machen“</em>, bietet sonst aber kaum Mehrwert. Das kann sich alles fangen, alles besser werden. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich erst nach dem letzten Beat.</p>
<p>Oliver Schusser wiederum schaut aufs große Ganze: Mehr und gerechtere Vergütung (Abgrenzung zu Spotify), weniger manipulierte Streams (Abgrenzung zu Spotify) und Apple Music Classical (Abgrenzung zu Spotify). Das ist alles valide und bestimmt auch für die relevant, die Spotify den Rücken kehren, weil CEO Ek Geld aus den Unternehmen zieht und in Dronen-Entwicklung investiert. Der Mehrwert? Verpufft dennoch.</p>
<p>Vielleicht geht das gar nicht anders. Vielleicht gibt es wirklichen Mehrwert wirklich nur auf den Plattformen, die den vermeintlichen Mainstream von vornherein kategorisch ausklammern und bewusst nicht bedienen. Das ist schwierig genug. Denn Indies sind schon lange keine Indies mehr, und die überlebenswichtige Verzahnung mit den Streamern macht Kompromisse im Tagesgeschäft notwendig, an die vor wenigen Jahren noch nicht zu denken war – von der Kommunikation bis zu Veröffentlichungs-Strategien. Dass Apple das Mainstream-Game mitspielt, ist so logisch wie schade. Das Unternehmen könnte sich im Luxus des hauseigenen Radios alles leisten. Und folgt doch zum allergrößten Großteil den Mechanismen, die dafür verantwortlich sind, die all diejenigen, die das Radio seit jeher lieben, von ihren Medium der Wahl Schritt für Schritt entfremdet haben.</p>
<p>Zehn Jahre Apple Music hinterlassen gemischte Gefühle. Beim Streaming von Album X oder Song Y macht der Service alles richtig. Das ist aber auch keine Raketenwissenschaft. Bei der Etablierung des Radioprogramms aber – <em>chance of a lifetime</em>, wenn man ehrlich ist, fehlt die richtige Strategie: Sichtbarkeit, Mut zum Risiko, Bekenntnis zur Nische und der Stinkefinger in Richtung Establishment.</p>
</div></div></div></div></div></section>]]></content><author><name> </name></author></entry></feed>